{"id":1050,"date":"2026-08-18T11:08:14","date_gmt":"2026-08-18T10:08:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1050"},"modified":"2026-08-18T11:39:34","modified_gmt":"2026-08-18T10:39:34","slug":"die-wissenschaft-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1050&lang=de","title":{"rendered":"Die Wissenschaft unter Druck"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wissenschaft ist eines der Systeme, in dem die Krisenanzeichen besonders sichtbar sind, weil sie strukturell auf Vertrauen und Methodenstrenge angewiesen ist \u2013 beides Faktoren, die unter heutigen Bedingungen erodieren.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erstens, die \u00d6konomisierung der Forschung. <\/strong>Wissenschaft wird zunehmend nach \u00f6konomischen Kennzahlen gemessen. Drittmitteleinwerbung, Publikationsanzahl, Impact-Faktoren, Patente, Spin-offs. Das ver\u00e4ndert die Anreize innerhalb des Systems. Forscher orientieren sich an dem, was kurzfristig publizierbar und finanzierbar ist, nicht an dem, was langfristig bedeutsam w\u00e4re. Grundlagenforschung ger\u00e4t unter Druck zugunsten anwendungsorientierter Projekte. Geisteswissenschaften werden marginalisiert, weil sie sich nicht in den g\u00e4ngigen Metriken abbilden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren haben mehrere amerikanische Universit\u00e4ten ihre Geisteswissenschaften systematisch zur\u00fcckgebaut. Die West Virginia University hat 2023 die meisten Sprachen au\u00dfer Englisch aus dem Studienangebot gestrichen. Mehrere kleinere Liberal Arts Colleges haben ihre Philosophiefakult\u00e4ten geschlossen. Was als Reaktion auf r\u00fcckl\u00e4ufige Studentenzahlen verkauft wird, ist tats\u00e4chlich die Folge einer \u00f6konomistischen Bewertung von Bildung, die nicht-verwertbare Studienf\u00e4cher als \u00fcberfl\u00fcssig betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland sind die Geisteswissenschaften strukturell besser gesch\u00fctzt, aber auch hier nimmt der Druck zu. Lehrst\u00fchle in klassischer Philologie, in alteurop\u00e4ischen Sprachen, in bestimmten historischen Spezialgebieten werden nach Emeritierung nicht mehr besetzt. Was an Substanz verloren geht, ist nicht unmittelbar sichtbar, aber strukturell folgenreich. Bestimmte Forschungstraditionen brechen ab. Bestimmte Kompetenzen gehen verloren. Eine Generation sp\u00e4ter ist das nicht mehr aufzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens, die Replication Crisis. <\/strong>Seit etwa 2010 hat die Wissenschaft eine selbstkritische Phase erlebt, in der zentrale Annahmen \u00fcber die eigene Produktionsweise infrage gestellt wurden. In der Sozialpsychologie, Teilen der Medizin und der Sozialwissenschaften zeigte sich, dass viele klassische Studien nicht reproduzierbar sind. Das Reproducibility Project, das 2015 publiziert wurde, fand, dass nur etwa ein Drittel der untersuchten psychologischen Studien sich replizieren lie\u00df. \u00c4hnliche Befunde gab es f\u00fcr medizinische und biologische Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine fundamentale Krise, die das System selbst angeht. Was als wissenschaftlich gesichert galt, war es oft nicht. Die Gr\u00fcnde sind vielf\u00e4ltig. Publication Bias \u2013 Studien mit positiven Ergebnissen werden eher publiziert. P-Hacking \u2013 Forscher analysieren ihre Daten so lange, bis sie signifikante Ergebnisse finden. Hierarchischer Druck \u2013 junge Wissenschaftler m\u00fcssen publizieren, um ihre Karriere zu sichern, und nehmen daf\u00fcr methodische Kompromisse in Kauf. Geringe Finanzierung von Replikationsstudien \u2013 wer originelle Forschung macht, bekommt mehr Anerkennung als wer nachpr\u00fcft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reaktion auf die Replication Crisis war beachtlich. Pre- Registration von Studien, offene Daten, transparente Methodik, Replikationen als regul\u00e4re Praxis wurden zu Standards in vielen Disziplinen. Die Open Science-Bewegung treibt das voran. Das ist ein Beispiel f\u00fcr institutionelle Selbstkorrektur, die in anderen Funktionssystemen schwerer leistbar w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens, die politische Anfeindung. <\/strong>In mehreren L\u00e4ndern wird Wissenschaft direkt politisch angegriffen. Klimaforschung wird unter Trump in den USA geschw\u00e4cht. Pandemieforschung wurde w\u00e4hrend der COVID-Krise zum Politikum. Anthony Fauci wurde zum \u00f6ffentlichen Hassobjekt, obwohl er in seiner Funktion als Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases nichts anderes getan hatte, als wissenschaftliche Beratung zu leisten. Christian Drosten in Deutschland erlebte \u00e4hnliche Angriffe. Stefan Rahmstorf, einer der f\u00fchrenden deutschen Klimaforscher, wurde mehrfach \u00f6ffentlich attackiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Angriffe sind nicht zuf\u00e4llig. Sie folgen einem Muster. Wenn wissenschaftliche Befunde politisch unbequem sind \u2013 weil sie Ver\u00e4nderungen erzwingen, die m\u00e4chtige Interessen bedrohen \u2013 werden die Wissenschaftler selbst angegriffen. Die Strategie ist alt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tabakindustrie hat sie jahrzehntelang gegen Krebsforschung eingesetzt. Fossile Industrie setzt sie heute gegen Klimaforschung ein. Was sich ver\u00e4ndert hat, ist die mediale Verst\u00e4rkung dieser Angriffe durch Plattformen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viertens, die digitale Transformation. <\/strong>KI ver\u00e4ndert die Arbeitsweise von Wissenschaftlern fundamental. Literaturarbeit wird automatisiert. Datenanalyse wird beschleunigt. Manche Disziplinen werden durch maschinelles Lernen revolutioniert \u2013 Strukturbiologie durch AlphaFold, Astronomie durch automatisierte Bildanalyse, Linguistik durch Large Language Models. Andere Disziplinen werden \u00fcberfl\u00fcssig gemacht oder m\u00fcssen sich neu erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plus die Frage, wer \u00fcberhaupt noch versteht, was die KI in komplexen wissenschaftlichen Operationen tut. Wenn ein neuronales Netz ein Protein-Faltungsproblem l\u00f6st, ist das Ergebnis nachvollziehbar, der Prozess oft nicht. Das ist eine epistemologische Verschiebung, deren Konsequenzen noch unklar sind. Wissenschaft beruht auf der M\u00f6glichkeit, Wege zur Erkenntnis nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Wenn diese M\u00f6glichkeit erodiert, erodiert auch die Wissenschaft als kritische Selbstkontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was die Wissenschaft trotzdem als System sch\u00fctzt, ist ihre eingebaute Selbstreflexivit\u00e4t. Sie hat institutionelle Mechanismen, um ihre eigenen Operationen zu beobachten. Methodologie, Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsgeschichte. Diese Disziplinen sind innerhalb der Wissenschaft die Reflexion zweiter Ordnung, die das System gegen blinde Flecken absichert. Wenn diese Disziplinen geschw\u00e4cht werden \u2013 und sie werden geschw\u00e4cht, weil sie nicht prim\u00e4r drittmittelf\u00e4hig sind \u2013 verliert die Wissenschaft genau die Strukturen, die sie gegen Erosion sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ein Auszug aus Benno Fl\u00fcgels neuem Sachbuch <em>Empire of Art, Love and Science \u2013 Theorie der Systeme<\/em>. Mehr Infos zum Buch: <a href=\"https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/\">https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wissenschaft ist eines der Systeme, in dem die Krisenanzeichen besonders sichtbar sind, weil sie strukturell auf Vertrauen und Methodenstrenge angewiesen ist \u2013 beides Faktoren, die unter heutigen Bedingungen erodieren.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1050","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1050","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1050"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1050\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1074,"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1050\/revisions\/1074"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1050"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1050"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rasf.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1050"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}