{"id":1014,"date":"2026-08-17T12:35:21","date_gmt":"2026-08-17T11:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1014"},"modified":"2026-08-18T11:28:08","modified_gmt":"2026-08-18T10:28:08","slug":"die-algorithmische-norm-the-algorithmic-norm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1014&lang=de","title":{"rendered":"Appendix: Die algorithmische Norm"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir leben in einer Phase, in der eine algorithmisch geformte Norm sich \u00fcber alle Lebensbereiche legt und die strukturellen Bedingungen menschlicher Existenz neu kalibriert. Diese Norm ist nicht von Menschen entworfen, sie ist von Optimierungsprozessen produziert. Sie ist nicht ideologisch begr\u00fcndet, sondern emergent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das macht sie gef\u00e4hrlicher als klassische Normen. Eine politische Ideologie kann kritisiert werden, weil sie sich als Ideologie zu erkennen gibt. Eine algorithmische Norm dagegen erscheint als das, was halt so ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">DIE EMPIRISCHE SUBSTANZ<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Instagram Face<\/strong>. Plastische Chirurgen weltweit berichten seit etwa 2015 von einer Konvergenz der Sch\u00f6nheitsideale, die auf algorithmisch verbreiteten Bildern basieren. Jia Tolentino hat das im New Yorker 2019 unter dem Titel \u201cThe Age of Instagram Face\u201d beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Sprachliche Konvergenz<\/strong>. Linguisten beobachten seit Jahren, dass die Schreibstile auf Social Media sich angleichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u00c4sthetische Konvergenz weltweit<\/strong>. Kyle Chayka hat 2024 in seinem Buch \u201cFilterworld: How Algorithms Flattened Culture\u201d die schleichende Vereinheitlichung kultureller R\u00e4ume beschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Diagnose-Inflation<\/strong>. Eine besonders interessante Folge ist die Explosion psychischer Diagnosen bei jungen Menschen seit etwa 2015.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">DIE THEORETISCHEN VORL\u00c4UFER<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Michel Foucault<\/strong> hat in seinen Arbeiten zur Disziplinarmacht und zur Biopolitik beschrieben, wie moderne Gesellschaften ihre Mitglieder durch unsichtbare Normen formen. In \u201c<strong>\u00dcberwachen und Strafen<\/strong>\u201d von 1975 hat er das Konzept des Panoptikums entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Georges Canguilhem<\/strong>, Foucaults Lehrer, hatte schon 1943 in \u201c<strong>Das Normale und das Pathologische<\/strong>\u201d die strukturelle Verbindung zwischen Normbegriff und medizinischer Diagnose analysiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mark Fisher<\/strong> hat in \u201c<strong>Capitalist Realism<\/strong>\u201d von 2009 das Konzept des kapitalistischen Realismus entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Byung-Chul Han<\/strong> hat in einer Serie von B\u00fcchern aphoristische Diagnosen der digitalen Gegenwart entwickelt. Sein zentraler Punkt: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der wir uns selbst optimieren, ohne dass \u00e4u\u00dfere Macht sichtbar w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Shoshana Zuboff<\/strong> hat in \u201c<strong>Das Zeitalter des \u00dcberwachungskapitalismus<\/strong>\u201d (2018) die \u00f6konomische Substanz analysiert. Die Plattform\u00f6konomie verkauft nicht Produkte an Nutzer, sondern Nutzerverhalten an Werbekunden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">WIE DIE ALGORITHMISCHE NORM WIRKT<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erstens<\/strong>, durch Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Algorithmen entscheiden, was sichtbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens<\/strong>, durch Belohnung und Bestrafung. Wer sich der Norm anpasst, bekommt Likes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens<\/strong>, durch Internalisierung. \u00dcber die Zeit wird die externe Norm zur internen Erwartung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viertens<\/strong>, durch Pathologisierung der Abweichung. Wer nicht in die Norm passt, sucht zunehmend medizinische Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>F\u00fcnftens<\/strong>, durch pharmakologische Kompensation.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">DER K\u00dcNSTLERISCHE ERSTICKUNGSTOD<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine spezifische Folge der algorithmischen Norm verdient eigene Aufmerksamkeit. Junge K\u00fcnstler lernen ihre \u00c4sthetik in algorithmischen Umgebungen. Sie sehen, was funktioniert. Was sie produzieren, ist nicht mehr ihr eigener Ausdruck, sondern eine Variation des algorithmisch Belohnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Prozess ist nicht prim\u00e4r b\u00f6se. Aber die \u00f6konomischen Bedingungen machen es schwer, anders zu produzieren. Wer nicht in die Algorithmen passt, wird nicht gesehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">DIE ALGORITHMISCHE NORM AN DEN FINANZM\u00c4RKTEN<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was in Kultur und Gesundheit als algorithmische Norm beschrieben wurde, l\u00e4sst sich auf einen weiteren Bereich \u00fcbertragen, der f\u00fcr die strukturelle Diagnose der Polykrise zentral ist: die Aktienm\u00e4rkte und insbesondere den Aufstieg passiver Indexfonds und algorithmischen Handels.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die strukturelle Entwicklung ist erstaunlich. Vor drei\u00dfig Jahren war die ganz \u00fcberwiegende Mehrheit der Investitionen aktiv. Einzelne Fondsmanager bewerteten Unternehmen, pr\u00fcften Gesch\u00e4ftsmodelle, sch\u00e4tzten Wachstumsperspektiven, kauften und verkauften aufgrund eigener Analyse. Diese aktive Bewertung war die \u00f6konomische Funktion der Kapitalm\u00e4rkte, sie haben Kapital dorthin gelenkt, wo es nach Einsch\u00e4tzung vieler unabh\u00e4ngiger Akteure am produktivsten eingesetzt werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist die Lage strukturell anders. BlackRock, Vanguard und State Street kontrollieren mittlerweile in vielen gro\u00dfen Unternehmen substantielle Anteile, nach einer prominenten Studie von Lucian Bebchuk und Scott Hirst (2019) zusammen oft zwischen 15 und 25 Prozent der Anteile der S&amp;P-500-Unternehmen. Diese Konzentration ist nicht das Ergebnis aktiver Investitionsstrategien dieser Firmen. Sie ist das Ergebnis ihres Erfolgs im passiven Indexfondsgesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Passive Indexfonds, kurz ETFs, bilden ganze M\u00e4rkte ab, statt einzelne Unternehmen zu bewerten. Wer in einen S&amp;P-500-ETF investiert, kauft anteilig alle 500 Unternehmen des Index. Die Bewertung der einzelnen Unternehmen ist nicht Teil der Investitionsentscheidung. Was z\u00e4hlt, ist die Mitgliedschaft im Index und die wird von einer Handvoll Indexanbietern wie Standard &amp; Poor\u2019s, MSCI und FTSE entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Entwicklung ist auf der individuellen Ebene rational. Passive Fonds haben \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume meist besser performt als aktive Fonds. Sie haben geringere Geb\u00fchren. Sie sind transparenter. Burton Malkiels ber\u00fchmtes Buch \u201cA Random Walk Down Wall Street\u201d (1973) und die Forschung von Eugene Fama zur Effizienzmarkthypothese haben die theoretische Grundlage geliefert, John Bogle hat mit der Gr\u00fcndung von Vanguard 1975 die praktische Umsetzung initiiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was strukturell daraus folgt, ist aber etwas anderes als das, was John Bogle sich vorgestellt hat. Wenn der Gro\u00dfteil des Kapitals passiv investiert wird, verschwindet die urspr\u00fcngliche Funktion der Kapitalm\u00e4rkte: die unabh\u00e4ngige Bewertung von Unternehmen. Aktive Investoren werden zur Minderheit. Die Preisbildung verschiebt sich von Fundamentalanalyse zu Strukturanalyse \u2013 wer ist im Index, wer wird aufgenommen, wer wird ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plus die spezifische Pointe: Wenn alle in dieselben Indizes investieren, verst\u00e4rken sich Bewegungen selbst. Steigt der Index, flie\u00dft mehr passives Kapital in alle Indextitel, auch in die schw\u00e4chsten unter ihnen. F\u00e4llt der Index, flie\u00dft Kapital ab, auch aus den fundamental gesundesten Unternehmen. Das ist strukturell instabilisierend. M\u00e4rkte werden volatiler, nicht stabiler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der algorithmische Hochfrequenzhandel verst\u00e4rkt diese Tendenz auf einer anderen Ebene. Algorithmen handeln in Mikrosekunden auf Mustern, die andere Algorithmen produzieren. Was diese Algorithmen detektieren, sind nicht prim\u00e4r fundamentale Ver\u00e4nderungen in den Unternehmen, sondern Bewegungen in den Daten. Die Quant-Hedgefonds (Renaissance, Two Sigma, Citadel, D.E. Shaw) arbeiten mit \u00e4hnlichen mathematischen Modellen, \u00e4hnlichen Datens\u00e4tzen, \u00e4hnlichen Mustererkennungsverfahren. Was sie tun, ist nicht mehr fundamentale Bewertung, es ist Mustererkennung in einem System, das prim\u00e4r aus Mustererkennung besteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Selbstreferenz ist strukturell identisch mit der algorithmischen Norm in Kultur. Was Instagram-Algorithmen f\u00fcr \u00e4sthetische Konvergenz leisten, leisten Quant-Algorithmen f\u00fcr Finanzmarkt-Konvergenz. Die urspr\u00fcnglich plurale Operation \u2013 viele unabh\u00e4ngige Bewertungen, viele unabh\u00e4ngige \u00e4sthetische Entscheidungen \u2013 wird durch algorithmische Vermittlung in Konvergenz gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die luhmannsche Pointe ist hier besonders scharf. M\u00e4rkte sollten nach klassischer \u00f6konomischer Theorie strukturell dezentrale Beobachter sein, jeder Akteur bringt seine Information ein, der Preis aggregiert diese Information. Was Hayek in seiner ber\u00fchmten Arbeit zur Marktinformation (1945) als zentrale Eigenschaft des Marktes beschrieben hat, ist heute strukturell unterminiert. Die meisten \u201cMarktteilnehmer\u201d beobachten nicht mehr. Sie folgen Indizes, sie folgen Mustern, sie folgen Algorithmen. Die Beobachtungsfunktion der M\u00e4rkte verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plus eine empirisch verifizierbare Konsequenz: Die Korrelation zwischen einzelnen Aktien des S&amp;P 500 hat in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen. Was bedeutet, dass Aktien sich strukturell \u00e4hnlicher bewegen, unabh\u00e4ngig von den fundamentalen Unterschieden ihrer Unternehmen. Das ist die finanzmarktspezifische Form der algorithmischen Konvergenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was daraus f\u00fcr die Polykrise folgt, ist eine weitere Best\u00e4tigung der strukturellen Diagnose. Die Codierungsexpansion der Finanzlogik in alle Bereiche \u2013 wir haben das bei Wohnen, Bildung, Gesundheit beobachtet \u2013 wird erg\u00e4nzt durch eine Codierungsexpansion algorithmischer Logik in die Finanzlogik selbst. Was sich strukturell ergibt, ist nicht mehr klassischer Kapitalismus mit unabh\u00e4ngigen Bewertern, sondern ein System algorithmischer Konvergenz, das seine eigene Funktionalit\u00e4t strukturell unterminiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">WAS L\u00c4SST SICH TUN<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erstens<\/strong>, individuelle Beobachtung zweiter Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens<\/strong>, Pflege algorithmusfreier R\u00e4ume. Bibliotheken, Buchhandlungen, Theater, Konzerte, Galerien, Naturreservate.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens<\/strong>, kollektive politische Regulierung. Die EU mit dem Digital Services Act hat einen Anfang gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viertens<\/strong>, alternative \u00f6konomische Modelle f\u00fcr kulturelle Produktion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>F\u00fcnftens<\/strong>, ehrliche Kommunikation \u00fcber die strukturellen Bedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Essay ist ein Auszug aus Benno Fl\u00fcgels neuem Sachbuch <em>Empire of Art, Love and Science \u2013 Theorie der Systeme<\/em>. Mehr Infos zum Buch gibt es unter: <a href=\"https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/\">https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einer Phase, in der eine algorithmisch geformte Norm sich \u00fcber alle Lebensbereiche legt und die strukturellen Bedingungen menschlicher Existenz neu kalibriert. 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