Die Wissenschaft ist eines der Systeme, in dem die Krisenanzeichen besonders sichtbar sind, weil sie strukturell auf Vertrauen und Methodenstrenge angewiesen ist – beides Faktoren, die unter heutigen Bedingungen erodieren.
Erstens, die Ökonomisierung der Forschung. Wissenschaft wird zunehmend nach ökonomischen Kennzahlen gemessen. Drittmitteleinwerbung, Publikationsanzahl, Impact-Faktoren, Patente, Spin-offs. Das verändert die Anreize innerhalb des Systems. Forscher orientieren sich an dem, was kurzfristig publizierbar und finanzierbar ist, nicht an dem, was langfristig bedeutsam wäre. Grundlagenforschung gerät unter Druck zugunsten anwendungsorientierter Projekte. Geisteswissenschaften werden marginalisiert, weil sie sich nicht in den gängigen Metriken abbilden lassen.
In den letzten Jahren haben mehrere amerikanische Universitäten ihre Geisteswissenschaften systematisch zurückgebaut. Die West Virginia University hat 2023 die meisten Sprachen außer Englisch aus dem Studienangebot gestrichen. Mehrere kleinere Liberal Arts Colleges haben ihre Philosophiefakultäten geschlossen. Was als Reaktion auf rückläufige Studentenzahlen verkauft wird, ist tatsächlich die Folge einer ökonomistischen Bewertung von Bildung, die nicht-verwertbare Studienfächer als überflüssig betrachtet.
In Deutschland sind die Geisteswissenschaften strukturell besser geschützt, aber auch hier nimmt der Druck zu. Lehrstühle in klassischer Philologie, in alteuropäischen Sprachen, in bestimmten historischen Spezialgebieten werden nach Emeritierung nicht mehr besetzt. Was an Substanz verloren geht, ist nicht unmittelbar sichtbar, aber strukturell folgenreich. Bestimmte Forschungstraditionen brechen ab. Bestimmte Kompetenzen gehen verloren. Eine Generation später ist das nicht mehr aufzuholen.
Zweitens, die Replication Crisis. Seit etwa 2010 hat die Wissenschaft eine selbstkritische Phase erlebt, in der zentrale Annahmen über die eigene Produktionsweise infrage gestellt wurden. In der Sozialpsychologie, Teilen der Medizin und der Sozialwissenschaften zeigte sich, dass viele klassische Studien nicht reproduzierbar sind. Das Reproducibility Project, das 2015 publiziert wurde, fand, dass nur etwa ein Drittel der untersuchten psychologischen Studien sich replizieren ließ. Ähnliche Befunde gab es für medizinische und biologische Forschung.
Das ist eine fundamentale Krise, die das System selbst angeht. Was als wissenschaftlich gesichert galt, war es oft nicht. Die Gründe sind vielfältig. Publication Bias – Studien mit positiven Ergebnissen werden eher publiziert. P-Hacking – Forscher analysieren ihre Daten so lange, bis sie signifikante Ergebnisse finden. Hierarchischer Druck – junge Wissenschaftler müssen publizieren, um ihre Karriere zu sichern, und nehmen dafür methodische Kompromisse in Kauf. Geringe Finanzierung von Replikationsstudien – wer originelle Forschung macht, bekommt mehr Anerkennung als wer nachprüft.
Die Reaktion auf die Replication Crisis war beachtlich. Pre- Registration von Studien, offene Daten, transparente Methodik, Replikationen als reguläre Praxis wurden zu Standards in vielen Disziplinen. Die Open Science-Bewegung treibt das voran. Das ist ein Beispiel für institutionelle Selbstkorrektur, die in anderen Funktionssystemen schwerer leistbar wäre.
Drittens, die politische Anfeindung. In mehreren Ländern wird Wissenschaft direkt politisch angegriffen. Klimaforschung wird unter Trump in den USA geschwächt. Pandemieforschung wurde während der COVID-Krise zum Politikum. Anthony Fauci wurde zum öffentlichen Hassobjekt, obwohl er in seiner Funktion als Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases nichts anderes getan hatte, als wissenschaftliche Beratung zu leisten. Christian Drosten in Deutschland erlebte ähnliche Angriffe. Stefan Rahmstorf, einer der führenden deutschen Klimaforscher, wurde mehrfach öffentlich attackiert.
Diese Angriffe sind nicht zufällig. Sie folgen einem Muster. Wenn wissenschaftliche Befunde politisch unbequem sind – weil sie Veränderungen erzwingen, die mächtige Interessen bedrohen – werden die Wissenschaftler selbst angegriffen. Die Strategie ist alt.
Tabakindustrie hat sie jahrzehntelang gegen Krebsforschung eingesetzt. Fossile Industrie setzt sie heute gegen Klimaforschung ein. Was sich verändert hat, ist die mediale Verstärkung dieser Angriffe durch Plattformen.
Viertens, die digitale Transformation. KI verändert die Arbeitsweise von Wissenschaftlern fundamental. Literaturarbeit wird automatisiert. Datenanalyse wird beschleunigt. Manche Disziplinen werden durch maschinelles Lernen revolutioniert – Strukturbiologie durch AlphaFold, Astronomie durch automatisierte Bildanalyse, Linguistik durch Large Language Models. Andere Disziplinen werden überflüssig gemacht oder müssen sich neu erfinden.
Plus die Frage, wer überhaupt noch versteht, was die KI in komplexen wissenschaftlichen Operationen tut. Wenn ein neuronales Netz ein Protein-Faltungsproblem löst, ist das Ergebnis nachvollziehbar, der Prozess oft nicht. Das ist eine epistemologische Verschiebung, deren Konsequenzen noch unklar sind. Wissenschaft beruht auf der Möglichkeit, Wege zur Erkenntnis nachvollziehen zu können. Wenn diese Möglichkeit erodiert, erodiert auch die Wissenschaft als kritische Selbstkontrolle.
Was die Wissenschaft trotzdem als System schützt, ist ihre eingebaute Selbstreflexivität. Sie hat institutionelle Mechanismen, um ihre eigenen Operationen zu beobachten. Methodologie, Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftssoziologie, Wissenschaftsgeschichte. Diese Disziplinen sind innerhalb der Wissenschaft die Reflexion zweiter Ordnung, die das System gegen blinde Flecken absichert. Wenn diese Disziplinen geschwächt werden – und sie werden geschwächt, weil sie nicht primär drittmittelfähig sind – verliert die Wissenschaft genau die Strukturen, die sie gegen Erosion schützen.
Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/
