Die Kultur in der algorithmischen Zwangsjacke

Die Kultur ist das System, in dem sich eine Gesellschaft selbst beobachtet und deutet. Sie ist nicht primär Ornament, sondern strukturelle Selbstreflexion. Wenn die Kultur erodiert, verliert die Gesellschaft die Möglichkeit, sich selbst zu verstehen. Diese Erosion ist heute deutlich erkennbar und hat mehrere Ursachen, die zusammenwirken.

Kultur in modernen Gesellschaften ist in drei zeitlichen Schichten organisiert. Das Erbe – Bestände an Texten, Bildern, Musik, Bauten, Praktiken, die aus der Vergangenheit überliefert sind. Homer, Shakespeare, Bach, Tolstoi, Mozart, Goethe in der westlichen Tradition, mit eigenen Kanons in anderen Traditionen. Diese Schicht ist langsam. Sie verändert sich nur über Generationen. Sie produziert Stabilität und Orientierung.

Die Gegenwartskultur – was heute geschrieben, gemalt, komponiert, gedreht, getanzt wird. Diese Schicht ist schneller. Sie reagiert auf die aktuellen Bedingungen. Sie verändert sich innerhalb von Jahren. Sie steht in einem Verhältnis zur ersten Schicht – sie kann das Erbe affirmieren, transformieren oder ablehnen, aber sie kann ihm nicht ausweichen.

Die Alltagskultur – was Menschen täglich praktizieren. Wie sie sprechen, sich kleiden, einander begegnen, was sie zubereiten, hören, schauen. Diese Schicht ist die schnellste. Sie verändert sich permanent. Sie wird selten als Kultur wahrgenommen, weil sie so selbstverständlich erscheint. Aber genau hier zeigt sich, was eine Gesellschaft tatsächlich ist.

Eine gesunde Kultur hat alle drei Schichten in Balance. Sie pflegt ihr Erbe, ohne erstarrt zu sein. Sie produziert Gegenwartskunst, ohne ihre Geschichte zu vergessen. Sie hat eine Alltagspraxis, die mit den höheren Schichten in Beziehung steht. Was heute geschieht, ist eine Verschiebung dieser Balance, die in jeder Schicht andere Folgen hat.

Das Erbe wird vom Algorithmus durchgeschüttelt. Was vor zwanzig Jahren als unverrückbarer Kanon galt, wird heute neu sortiert. Manches verschwindet aus der Wahrnehmung, weil es nicht algorithmisch verwertbar ist. Manches wird neu entdeckt, weil es plötzlich resonanzfähig wird. Die langsame Schicht des Erbes wird beschleunigt, nicht durch substantielle Auseinandersetzung, sondern durch mediale Konjunkturen.

Das hat zwei Seiten. Es eröffnet Räume für bisher marginalisierte Stimmen – feministische, postkoloniale, queere Perspektiven, die im traditionellen Kanon unterrepräsentiert waren. Das ist ein echter Gewinn. Wer heute über klassische Literatur spricht, kann nicht mehr ignorieren, dass es jenseits des etablierten Kanons substanzielle Werke gegeben hat, die jahrhundertelang übersehen wurden. Die Wiederentdeckung von Schriftstellerinnen wie Mercè Rodoreda, von afroamerikanischer Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, von indigenen Erzähltraditionen ist kulturell bereichernd.

Aber es zerstört auch Kontinuitäten, ohne dass die Neuordnung selbst stabil wäre. Was heute hochgehoben wird, kann morgen wieder verschwinden, weil der Algorithmus weiterwandert. Eine Generation, die ihre kulturellen Bezugspunkte über TikTok-Trends bezieht, hat möglicherweise keine geteilten Referenzen mehr mit der nächsten Generation. Das ist nicht zwingend katastrophal – Generationenkonflikte sind normal – aber es ist eine Veränderung, die strukturelle Folgen hat.

Die Gegenwartskultur wird ökonomisch verarmt. Wir haben das schon angesprochen. Was kulturell produziert wird, muss zunehmend kommerziell verwertbar sein, weil die Strukturen, die unabhängige künstlerische Arbeit ermöglichten, brüchig werden. Verlage werden konzentriert. Penguin Random House, HarperCollins, Hachette, Simon & Schuster, Macmillan – die großen Fünf kontrollieren in der englischsprachigen Welt einen erheblichen Teil der Buchproduktion. Sie veröffentlichen, was kommerziell tragfähig erscheint. Plattenfirmen werden konzentriert. Universal, Sony, Warner kontrollieren über drei Viertel des globalen Musikmarktes. Sie investieren in das, was sich vermarkten lässt. Filmproduktion wird konzentriert. Die großen Studios und Streaming-Plattformen – Disney, Warner, Paramount, Netflix, Amazon – produzieren nach Algorithmusgetriebenen Erwartungen, was die Zuschauer wollen werden.

Kleine, eigensinnige Stimmen finden schwerer Trägerstrukturen. Es gibt sie noch – unabhängige Verlage wie Verbrecher, Matthes & Seitz, Suhrkamp Insel in Deutschland, NYRB, Coffee House, Graywolf in den USA. Es gibt unabhängige Filmproduktionen, kleine Plattenfirmen, alternative Theaterszenen. Aber sie operieren unter erheblichem ökonomischem Druck. Sie überleben oft nur durch öffentliche Förderung, Stiftungsgelder oder den Idealismus einzelner Personen.

Plus die KI-Disruption. Generative KI produziert in wachsendem Tempo Texte, Bilder, Musik, die zwar nicht kreativ im klassischen Sinn sind, aber die ökonomische Position kreativer Arbeiter erheblich schwächen. Was bisher menschliche Arbeit war, wird teilweise automatisiert. Buchcover werden mit Midjourney generiert. Werbetexte werden mit ChatGPT geschrieben. Hintergrundmusik wird mit Suno produziert. Was als Effizienzsteigerung beworben wird, ist tatsächlich eine Verschiebung der Wertschöpfung weg von menschlichen Künstlern zu Tech-Konzernen, die die KI-Modelle besitzen.

Mark Fisher hat das vor seinem Tod 2017 als Capitalist Realism beschrieben – eine kulturelle Bedingung, in der Alternativen zurdominanten Logik nicht mehr denkbar sind, nicht weil sie verbotenwären, sondern weil die Vorstellungskraft selbst geschrumpft ist.Was Fisher diagnostiziert hat, ist heute schärfer geworden. Diekulturelle Verarmung ist nicht primär ein Mangel an Talent, sondernein Mangel an strukturellen Räumen, in denen Talent sich gegen dieKonvergenzkräfte entwickeln könnte.

Die Alltagskultur algorithmisiert sich. Wie Menschen sprechen, sich kleiden, kochen, einander begegnen, was sie konsumieren – all das wird zunehmend von algorithmisch verbreiteten Vorbildern geprägt. Lokale Eigenheiten werden zugunsten globaler Muster aufgegeben. Eine Café-Einrichtung in Berlin sieht aus wie in Seoul, wie in Mexiko-Stadt, wie in Kapstadt. Das ist nicht primär ein ästhetisches Problem, sondern ein Hinweis auf eine strukturelle Verschiebung. Was als individueller Geschmack erscheint, ist tatsächlich oft globale Konvergenz, vermittelt durch dieselben Plattformen, dieselben Influencer, dieselben Hashtags.

Hier ist es wichtig, vorsichtig zu sein. Kulturelle Konvergenz ist nicht zwingend negativ. Globalisierung hat auch positive Dimensionen – mehr Zugang zu unterschiedlichen Traditionen, mehr Möglichkeiten der Begegnung, mehr ästhetische Vielfalt für Einzelne. Wer in einem Dorf vor 100 Jahren aufgewachsen ist, hatte deutlich weniger kulturelle Möglichkeiten als wer heute in einer mittelgroßen Stadt aufwächst. Was problematisch ist, ist nicht die Erweiterung der Möglichkeiten, sondern die schleichende Homogenisierung dessen, was als Möglichkeit erscheint.

Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/