Die Religion ist das System, dessen Diagnose in den letzten 50 Jahren am meisten umstritten war. Die klassische Säkularisierungsthese, die im 20. Jahrhundert dominierte, sagte voraus, dass Religion in modernen Gesellschaften an Bedeutung verlieren werde. Diese These hat sich als falsch erwiesen oder zumindest als sehr unvollständig.
Religion verschwindet nicht weltweit, sie transformiert sich, und sie tut das in unterschiedlichen Weltregionen sehr unterschiedlich. Das produziert ein heterogenes Bild, das mit einfachen Diagnosen nicht zu fassen ist.
Westeuropa und ostasiatische Industriestaaten zeigen eine kontinuierliche Säkularisierung. Kirchenmitgliedschaften sinken, religiöse Praxis wird seltener, religiöse Sozialisation lückenhaft. Deutschland hat 2024 erstmals weniger als 50 Prozent Kirchenmitglieder. Frankreich, Schweden, Niederlande, Großbritannien, Japan, Südkorea, China zeigen in unterschiedlichen Tempi diese Tendenz. Religion verschwindet nicht, aber sie wird privatisiert und verliert öffentliche Bedeutung. Was an ihrer Stelle entsteht, sind oft funktionale Äquivalente – Wellness, Yoga, Achtsamkeit, neue spirituelle Bewegungen –, die religiöse Strukturmerkmale in säkularen Formen tragen.
Die USA sind das berühmte Sonderfall-Beispiel. Hochmoderne Gesellschaft, aber gleichzeitig hochreligiös. Evangelikale Christen sind politisch einflussreich, in Trump-Wählerschaften zentral, in vielen Bundesstaaten dominierend. Die klassische Säkularisierungsthese hat hier nie funktioniert. Plus die jüngste Entwicklung: Die Zahl der Religionslosen wächst auch in den USA stark, vor allem unter Jüngeren. Es entsteht eine Polarisierung zwischen sehr Religiösen und sehr Säkularen, die mit der politischen Polarisierung des Landes verschmilzt.
Lateinamerika durchläuft eine massive religiöse Verschiebung. Die katholische Mehrheit erodiert, evangelikale und pfingstkirchliche Strömungen wachsen explosiv. In Brasilien sind heute fast ein Drittel der Bevölkerung Evangelikale. In Guatemala über die Hälfte.
Diese Verschiebung schlägt politisch durch. Jair Bolsonaro war evangelikal mobilisierter Präsident. Ähnliche Figuren existieren in anderen Ländern. Die religiöse Verschiebung verändert die politische Landschaft eines ganzen Kontinents.
Subsahara-Afrika ist die Region mit dem stärksten religiösen Wachstum weltweit. Christentum sowohl katholisch als auch pfingstkirchlich, Islam, traditionelle Religionen, oft in Mischformen. Religion ist hier nicht periphere, sondern zentrale gesellschaftliche Struktur. Plus die kulturelle Dimension: Vieles, was in westlichen Augen als Religion erscheint, ist tief verwoben mit lokalen Traditionen, Heilpraktiken, Gemeinschaftsstrukturen. Die Differenzierung in unterschiedliche Funktionssysteme, wie sie für die westliche Moderne typisch ist, ist hier weniger ausgeprägt.
Naher Osten und Nordafrika sind weiterhin überwiegend islamisch geprägt, mit erheblicher politischer Bedeutung der Religion. Die Spannweite reicht von säkular orientierten Staaten wie Tunesien oder dem Libanon in seiner komplexen Konfessionsstruktur bis zu theokratischen Strukturen wie Iran oder Saudi-Arabien. Die Auseinandersetzung zwischen modernisierenden Tendenzen und religiös konservativen Kräften prägt die politische Geschichte dieser Region.
Süd- und Südostasien zeigen eine Re-Religionisierung mit politischer Dimension. Hindutva in Indien unter Modi, buddhistischer Nationalismus in Myanmar und Sri Lanka, Islamismus in Indonesien und Malaysia. Religion wird zur Identitätsmarkierung in einer Weise, die viele Beobachter in den 1990ern nicht erwartet hatten. Die indische Demokratie unter Modi ist ein besonders interessanter Fall, weil hier die Religion in eine zuvor pluralistische politische Kultur eingeschrieben wird.
Russland unter Putin hat eine spezifische Form der Re- Religionisierung erlebt. Die russisch-orthodoxe Kirche ist eng mit dem Staat verflochten und liefert ideologisches Material für die Begründung der russischen Identität und der politischen Linie, einschließlich des Ukraine-Krieges. Patriarch Kyrill hat den Krieg als heilig bezeichnet, was eine theologische Verirrung höchsten Grades ist, aber politisch funktional ist. Was hier sichtbar wird, ist die problematische Re-Politisierung der Religion, die in mehreren Ländern Bedeutung gewinnt.
Plus die wichtige Beobachtung: Religion produziert nicht nur hermetische Geschlossenheit. Sie produziert auch reflexive Tradition. Theologie ist Beobachtung zweiter Ordnung – die Religion beobachtet sich selbst. Religionsphilosophie ist Beobachtung dritter Ordnung. Religiöse Traditionen haben oft jahrhundertelang ihre eigenen Praktiken reflektiert, kritisiert, weiterentwickelt. Die liberale Theologie in den großen Kirchen, die sufistische Tradition im Islam, die zen-buddhistische Selbstreflexion, die jüdische Talmud-Tradition – all das sind Strukturen, in denen Religion auf eine Weise praktiziert wird, die mit der hermetischen Geschlossenheit fundamentalistischer Bewegungen wenig zu tun hat.
Was wir heute beobachten, ist eine Spaltung innerhalb der religiösen Traditionen selbst. Auf der einen Seite die reflexiven, pluralistischen, theologisch gebildeten Strömungen. Auf der anderen Seite die fundamentalistischen, politisierten, hermetischen Strömungen. Beide nennen sich zur gleichen Religion gehörig. Aber sie operieren strukturell sehr unterschiedlich. Die katholische Kirche unter Papst Franziskus hat versucht, die reflexive Tradition zu stärken. Das war erfolgreich in manchen Bereichen, gescheitert in anderen. Was sich gegen die reflexive Tradition durchsetzt, ist oft die fundamentalistische Variante, weil sie emotional intensiver mobilisiert.
Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/
