Das Tech-System im Aufstieg

Das Tech-System ist das jüngste und am schnellsten wachsende Funktionssystem unserer Zeit. Es ist im Übergang vom innovativen Subsystem zum dominanten gesellschaftlichen Faktor. Diese Verschiebung läuft so schnell, dass die etablierten Institutionen kaum hinterherkommen.

Marc Andreessen, Peter Thiel, Elon Musk und andere Tech-Akteure haben in den letzten Jahren politische Macht in einer Weise erlangt, die noch vor einem Jahrzehnt undenkbar gewesen wäre. Im aktuellen Trump-Kabinett, das im Januar 2025 die Macht übernommen hat, sitzen Tech-Affine in zentralen Positionen. Elon Musk leitete bis Mitte 2025 das Department of Government Efficiency (DOGE) und hatte direkten Einfluss auf staatliche Personalentscheidungen, bevor er sich zurückzog. JD Vance, der Vizepräsident, kommt aus dem Tech-Investor-Milieu. Vivek Ramaswamy, Marc Andreessen, David Sacks gehören zum erweiterten Beraterkreis.

Andreessens Techno-Optimist Manifesto vom Oktober 2023 liest sich als ideologisches Programm einer Bewegung, die das politische System nach Tech-Logik umbauen will. Das Manifest verspricht radikale Eigenverantwortung statt kollektiver Lösungen. Wer in der Underclass landet, hat sich nicht angestrengt. Wer in der Underclass bleibt, hat das System nicht verstanden. Politik soll nicht umverteilen, sondern Hindernisse für die Aufsteiger beseitigen. Sozialstaat ist Ballast für die Dynamischen.

Das hat eine darwinistische Note, die in der Geschichte schon einmal sehr ungut endete. Die Mischung aus libertärer Wirtschaftsdoktrin, technologischem Determinismus und neuer Verachtung für Schwächere produziert eine politische Konstellation, die der Demokratie strukturell nicht zugeneigt ist. Peter Thiel hat das in mehreren Aufsätzen explizit gemacht. Er hat 2009 geschrieben, dass er Demokratie und Freiheit nicht mehr für kompatibel halte. Wenn das das Denken der mächtigsten Tech-Investoren ist, hat das Folgen, wenn diese Investoren politische Macht erlangen.

Was die Tech-Bewegung von der Manosphere oder MLM unterscheidet, ist klar. Während diese Subkulturen in der Peripherie operieren, drängt die Tech-Ideologie ins Zentrum der Macht. Die Tech-Bewegung kontrolliert die wichtigsten Kommunikationsinfrastrukturen unserer Zeit. Sie kontrolliert die KI-Entwicklung, die die nächste Wirtschaftsrevolution prägen wird. Sie kontrolliert über soziale Medien die mediale Aufmerksamkeit. Und sie hat jetzt direkten Zugang zur amerikanischen Bundespolitik.

Plus die ideologische Substanz. Die Tech-Bewegung verspricht nicht nur ökonomische Effizienz. Sie verspricht eine neue Anthropologie. Der Mensch als optimierbares System. Das Leben als Software, die verbessert werden kann. Bewusstsein als algorithmisch reproduzierbares Phänomen. Tod als technisch lösbares Problem. Diese Visionen wirken auf den ersten Blick utopisch, sind aber strukturell zutiefst reduktionistisch. Sie reduzieren die Komplexität menschlicher Existenz auf das, was berechenbar ist, und behaupten, dass alles andere irrelevant oder überholt sei.

Was diese Reduktion produziert, ist eine besondere Form technokratischer Hybris. Wer alles als optimierbar denkt, kann nicht akzeptieren, dass manche Dinge nicht optimiert werden sollten. Wer alles als algorithmisch verstehbar denkt, kann nicht akzeptieren, dass manche Phänomene jenseits der Algorithmen liegen. Wer die Welt durch Code regieren will, kann mit Demokratie wenig anfangen, weil Demokratie nicht effizient ist. Demokratie ist langsam, kompliziert, oft widersprüchlich. Sie respektiert Würde, auch wo sie nicht produktiv ist. Sie schützt Minderheiten, auch wo es ökonomisch nicht rentabel ist. Sie verteidigt Diversität, auch wo Konvergenz effizienter wäre. All das passt nicht in die Tech-Ideologie.

Konkrete Phänomene zeigen, was geschieht, wenn die Tech-Logik politische Macht bekommt. DOGE in seiner ersten Phase hat Bundesbehörden in Wochen umstrukturiert, was vorher Jahre gedauert hätte. Mitarbeiter wurden entlassen. Programme wurdeneingestellt. Was als Effizienzsteigerung gelobt wurde, hat in der Praxis erhebliche Funktionsverluste produziert. Die FAA, die Behörde für Luftsicherheit, konnte Routineaufgaben nicht mehr erfüllen. Die FDA, die Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde, hat ihre Aufsichtsfunktion teilweise verloren. Die NOAA, die für Wettervorhersagen und Klimaforschung zuständig ist, wurde geschwächt. Das sind nicht nur abstrakte institutionelle Verluste. Das sind reale Risiken für die Sicherheit der Bevölkerung.

Plus die Verschiebung in der KI-Politik. Die Regulierung der KI, die unter der Biden-Administration aufgebaut wurde, wurde unter Trump weitgehend abgebaut. Die Tech-Konzerne haben heute weitgehend freie Hand bei der Entwicklung von KI-Systemen, deren gesellschaftliche Folgen erst beginnen sichtbar zu werden. Das ist nicht zwingend katastrophal, aber es ist riskant. Wenn die Technologie sich schneller entwickelt als die Regulierung, entstehen Vakuen, in denen private Akteure öffentliche Funktionen übernehmen. Was Mark Zuckerberg in den 2010er Jahren mit Facebook getan hat – die Etablierung einer privaten Plattform, die de facto öffentliche Kommunikation organisiert – wird sich mit KI in noch dramatischerer Form wiederholen.

Was die luhmannsche Diagnose hier zeigt, ist klar. Das Tech-System ist im Begriff, seine Codierung in andere Systeme zu exportieren. Politik nach Effizienzmaßstäben. Bildung nach Datenoptimierung. Gesundheit nach algorithmischer Personalisierung. Kultur nach Engagement-Logik. Wenn diese Expansion unkontrolliert bleibt, kippt die funktionale Differenzierung weiter, und zwar nicht in Richtung einer alternativen Form gesellschaftlicher Organisation, sondern in Richtung einer Tech-Oligarchie, die formal demokratische Elemente beibehält, aber substanziell anders funktioniert.

Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/