Bevor wir zur Antithese kommen, müssen noch zwei Faktoren behandelt werden, die die Polykrise strukturell verschärfen: der demografische Wandel und die geopolitische Verschiebung.
Der demografische Wandel ist in den meisten entwickelten Ländern dramatisch und in seiner langfristigen Folge oft unterschätzt. Deutschland hat heute eine Geburtenrate von etwa 1,35 Kindern pro Frau, weit unter dem Reproduktionsniveau von 2,1. Japan liegt bei 1,2. Südkorea bei unter 0,8, einem historisch beispiellosen Tiefstand. Italien bei 1,2. China hat nach Jahrzehnten der Ein-Kind-Politik einen demografischen Einbruch erlebt, der sich erst in den nächsten Jahrzehnten in seiner ganzen Tiefe zeigen wird. Die chinesische Bevölkerung schrumpft seit 2022.
Was diese Zahlen bedeuten, ist erstaunlich. Eine Gesellschaft mit einer Geburtenrate von 1,35 halbiert sich über drei Generationen, wenn die Migration ausgeglichen ist. Die ökonomischen, sozialen, politischen Folgen sind enorm. Sozialsysteme, die in den 1960er und 1970er Jahren konzipiert wurden, als die Pyramide noch breit unten stand, funktionieren in einer Gesellschaft mit umgekehrter Pyramide nicht mehr. Renten, Pflege, Gesundheit – alle diese Systeme stehen unter Druck.
Plus die spezifische Verteilung. Es sind nicht alle Gesellschaftsschichten gleichmäßig betroffen. Hochgebildete Frauen bekommen weniger Kinder oder gar keine. Akademische Karrieren sind mit traditionellen Familienformen schwer vereinbar. Das produziert eine demografische Schieflage, in der die intellektuellen Eliten zahlenmäßig schrumpfen, während andere Gruppen relativ wachsen. Diese Verschiebung hat langfristige kulturelle Folgen, die oft nicht ausgesprochen werden. Migration könnte theoretisch demografische Lücken füllen. Aber Migration ist politisch hochkontrovers. Die einen Länder brauchen Migration, scheitern aber an der Integration. Die anderen Länder lehnen Migration aus identitären Gründen ab, scheitern aber an der demografischen Realität. Die dritten Länder verlieren ihre eigenen jungen Menschen an die Migration, was ihre eigenen Probleme verschärft.
Die geopolitische Verschiebung hat die unipolare Weltordnung nach 1990 beendet. Was zunächst als “Ende der Geschichte” gefeiert wurde, hat sich als kurze historische Episode erwiesen. Russland fordert die Ordnung seit Jahren militärisch heraus, mit dem Angriff auf die Ukraine 2022 in offener Form. China baut eine Alternative auf, mit der Belt and Road Initiative, mit BRICS-Plus, mit eigenen technologischen und finanziellen Infrastrukturen. Die USA ziehen sich teilweise aus ihrer Garantenrolle zurück – unter Trump explizit, unter Biden mit weniger Drama, aber ähnlicher Substanz.
Mittlere Mächte wie Indien, die Türkei, Brasilien, Indonesien suchen ihre eigenen Wege. Sie wollen nicht zwischen den großen Blöcken wählen müssen, sondern selbst Akteure sein. Das ist verständlich, aber es macht die globale Koordination noch schwieriger. Wenn jeder eigene Interessen verfolgt, ohne sich an gemeinsame Regeln zu binden, kollabiert die multilaterale Architektur.
Plus die spezifische Bedrohung durch autoritäre Staaten. Russland und China haben in den letzten Jahren systematisch versucht, demokratische Strukturen in anderen Ländern zu unterminieren. Wahlmanipulation, Cyberangriffe, Desinformationskampagnen, ökonomische Erpressung sind etablierte Instrumente geworden. Die westlichen Demokratien haben darauf bisher nur unzureichend reagiert, teilweise weil sie selbst durch interne Polarisierung geschwächt sind.
Diese demografischen und geopolitischen Bedingungen sind nicht abstrakte Hintergrundvariablen. Sie greifen direkt in die Dynamik der einzelnen Funktionssysteme ein. Sie machen die Krise drängender und die Lösungen schwieriger. Sie verlangen Antworten, die nicht in der Logik dessen funktionieren, was die Krise verursacht hat. Diese Antworten zu finden ist das Thema des nächsten Teils.
Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/
