{"id":1064,"date":"2026-08-18T11:20:15","date_gmt":"2026-08-18T10:20:15","guid":{"rendered":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1064"},"modified":"2026-08-18T11:22:35","modified_gmt":"2026-08-18T10:22:35","slug":"eine-welt-aus-dem-gleichgewicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/rasf.eu\/?p=1064&lang=de","title":{"rendered":"Eine Welt aus dem Gleichgewicht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt einen Moment im Leben vieler Menschen, in dem sie aufh\u00f6ren zu glauben, dass die Welt grunds\u00e4tzlich in Ordnung ist und dass die Probleme, die sich h\u00e4ufen, mit den vertrauten Werkzeugen l\u00f6sbar w\u00e4ren. Dieser Moment ist nicht f\u00fcr alle derselbe. Bei manchen kam er w\u00e4hrend der Finanzkrise 2008, als sich zeigte, dass das globale Finanzsystem nur durch staatliche Notma\u00dfnahmen am Kollabieren gehindert werden konnte. Bei anderen w\u00e4hrend der Eurokrise, die jahrelang die europ\u00e4ische Integration in Frage stellte. Bei anderen w\u00e4hrend der Fl\u00fcchtlingskrise 2015, die die politischen Koordinaten in vielen L\u00e4ndern verschoben hat. Bei anderen w\u00e4hrend des Brexit- Referendums 2016, bei anderen mit der Wahl Trumps im selben Jahr. Bei wieder anderen w\u00e4hrend der Coronapandemie 2020, die pl\u00f6tzlich zeigte, wie zerbrechlich globale Lieferketten und nationale Gesundheitssysteme sind. Bei vielen mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022, der einen jahrzehntelangen Frieden in Europa beendet hat. Bei manchen mit dem 7. Oktober 2023 und seinen Folgen im Nahen Osten. Bei anderen mit dem zunehmend dramatischen Klimawandel, der nicht mehr nur in Prognosen, sondern in Hitzewellen, \u00dcberschwemmungen, Ernteausf\u00e4llen sichtbar wird. Bei wieder anderen mit der KI-Disruption, die seit 2022 immer breitere Lebensbereiche erfasst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was alle diese Erfahrungen verbindet, ist ein Gef\u00fchl der <strong>strukturellen \u00dcberforderung<\/strong>. Die Probleme sind nicht mehr isoliert. Sie h\u00e4ngenzusammen. Eine Krise l\u00f6st die n\u00e4chste aus oder verst\u00e4rkt sie. L\u00f6sungen in einem Bereich produzieren Probleme in einem anderen. Niemand hat einen vollst\u00e4ndigen \u00dcberblick mehr. Die politischen Strukturen, die f\u00fcr die Probleme zust\u00e4ndig w\u00e4ren, funktionieren nicht mehrwie sie sollten. Die wirtschaftlichen Strukturen, die Wohlstandproduzieren sollten, produzieren zunehmend Ungleichheit. Die medialen Strukturen, die Aufkl\u00e4rung leisten sollten, produzieren Fragmentierung. Die wissenschaftlichen Strukturen, die Orientierung geben k\u00f6nnten, werden zunehmend angefeindet oder marginalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen den Begriff der Polykrise in die \u00f6ffentliche Debattegebracht. Er hat ihn nicht erfunden \u2013 der franz\u00f6sische Philosoph Edgar Morin und der ehemalige Chef der Europ\u00e4ischen Kommission Jean-Claude Juncker hatten ihn schon fr\u00fcher verwendet. Aber Tooze hat ihn so pr\u00e4zise gefasst, dass er heute zur Standardbeschreibung dessen geworden ist, was Beobachter der Gegenwart als ihre zentrale Lageerfahrung beschreiben. Polykrise hei\u00dft: Es geht nicht um eine Summe einzelner Krisen, die nacheinander oder nebeneinander stattfinden. Es geht um ein Ph\u00e4nomen, in dem die Krisen sich gegenseitig transformieren, blockieren, beschleunigen. Sie ergeben mehr als die Summe ihrer Teile, weil ihre Wechselwirkungen eigene Dynamiken produzieren, die niemand vollst\u00e4ndig steuern kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konkret hei\u00dft das beispielsweise: Die Klimakrise verlangt enorme Investitionen in die Transformation der Wirtschaft. Diese Investitionen versch\u00e4rfen aber die fiskalischen Probleme der Staaten, die ohnehin unter Druck stehen. Der Energieumbau verlangt strategische Rohstoffe, deren Verf\u00fcgbarkeit von geopolitischen Konstellationen abh\u00e4ngt, die ihrerseits instabil sind. Die Lieferkettenprobleme, die teilweise aus der geopolitischen Lage und teilweise aus der Pandemie resultieren, treiben die Inflation. Die Inflation schw\u00e4cht die Mittelschichten und st\u00e4rkt populistische Bewegungen. Diese Bewegungen wiederum schw\u00e4chen die politische Handlungsf\u00e4higkeit, die n\u00f6tig w\u00e4re, um die Probleme zu adressieren, aus denen sie selbst entstanden sind. Die KI-Disruption beschleunigt all diese Prozesse, ohne dass die Gesellschaften die n\u00f6tigen Anpassungsmechanismen schon entwickelt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer das alles versteht, ist \u00fcberfordert. Wer es nicht versteht, ist es auch, nur ohne es zu wissen. Die Polykrise ist nicht prim\u00e4r ein intellektuelles Problem, sondern ein strukturelles. Sie verlangt eine andere Form des Denkens, als die etablierten Krisendiagnosen sie liefern k\u00f6nnen. Sie verlangt eine Diagnose, die nicht in einzelnen Politikfeldern verbleibt, sondern die strukturelle Substanz der Verschiebungen erfasst, die unsere Zeit pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ein Auszug aus Benno Fl\u00fcgels neuem Sachbuch <em>Empire of Art, Love and Science \u2013 Theorie der Systeme<\/em>. Mehr Infos zum Buch: <a href=\"https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/\">https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Moment im Leben vieler Menschen, in dem sie aufh\u00f6ren zu glauben, dass die Welt grunds\u00e4tzlich in Ordnung ist und dass die Probleme, die sich h\u00e4ufen, mit den vertrauten Werkzeugen l\u00f6sbar w\u00e4ren. Dieser Moment ist nicht f\u00fcr alle derselbe. 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