{"id":1060,"date":"2026-08-18T11:16:48","date_gmt":"2026-08-18T10:16:48","guid":{"rendered":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1060"},"modified":"2026-08-18T11:33:38","modified_gmt":"2026-08-18T10:33:38","slug":"die-finanzwelt-in-hypertrophie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/rasf.eu\/?p=1060&lang=de","title":{"rendered":"Die Finanzwelt in Hypertrophie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Finanzwelt ist das System, in dem die Codierungsexpansion am tiefsten vorangeschritten ist. Sie ist nicht mehr nur ein Subsystem der Wirtschaft, das Kapital f\u00fcr die Realwirtschaft verteilt. Sie ist zu einer dominanten Logik geworden, die andere Bereiche durchdringt und transformiert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was 2008 als Krise diagnostiziert wurde, hat sich nicht aufgel\u00f6st, sondern verschoben. Die Banken sind nach 2008 nicht kleiner geworden, sondern gr\u00f6\u00dfer. Die Konzentration im Bankenwesen hat sich versch\u00e4rft. Die zehn gr\u00f6\u00dften globalen Banken kontrollieren heute einen gr\u00f6\u00dferen Anteil des Weltfinanzsystems als 2007. JP Morgan, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo in den USA. HSBC und Barclays in Gro\u00dfbritannien. BNP Paribas in Frankreich. UBS in der Schweiz, die nach der Fusion mit Credit Suisse zu einem Giganten geworden ist, der das Schweizer BIP \u00fcbersteigt. ICBC und China Construction Bank in China. Diese Banken sind too big to fail. Sie wissen es. Die M\u00e4rkte wissen es. Die Politik wei\u00df es. Das produziert eine strukturelle Asymmetrie: Gewinne werden privatisiert, Verluste werden im Krisenfall sozialisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plus die Verschiebung in den Shadow-Banking-Bereich. Hedgefonds wie Bridgewater Associates, Renaissance Technologies, Citadel. Private-Equity-Gesellschaften wie Blackstone, KKR, Apollo, Carlyle. Diese Akteure operieren mit Volumina, die den Bilanzsummen gro\u00dfer Banken nahekommen, ohne der gleichen Regulierung zu unterliegen. Sie sind die Schattenseite des Bankensystems, in der die riskanten Gesch\u00e4fte gemacht werden, die die regulierten Banken nicht mehr machen d\u00fcrfen oder wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Folgen dieser Hypertrophie zeigen sich in mehreren Bereichen. <strong>Erstens, im Wohnungsmarkt. <\/strong>In den gro\u00dfen St\u00e4dten Europas und Nordamerikas sind Wohnungen zur globalen Anlageklasse geworden. Vonovia in Deutschland kontrolliert \u00fcber 500.000 Wohnungen. Blackstone hat im letzten Jahrzehnt zig Milliarden in Wohnimmobilien investiert. Akelius operiert in mehreren europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten. Was diese Akteure tun, ist nicht zwingend illegal. Es folgt der Marktlogik. Aber es produziert eine Folge, die politisch problematisch ist: Wohnen, das fr\u00fcher ein soziales Gut war, wird zum Verm\u00f6gensspielfeld. Wer kein Verm\u00f6gen hat, kann sich Wohnen in den Zentren kaum noch leisten. Die soziale Mischung der St\u00e4dte erodiert. Die Mittelschichten werden verdr\u00e4ngt. Die Ungleichheit versch\u00e4rft sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens, in der Realwirtschaft. <\/strong>Unternehmen, die fr\u00fcher langfristig orientiert waren, optimieren heute auf Quartalsergebnisse. Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe ersetzen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Apple gibt j\u00e4hrlich \u00fcber 90 Milliarden Dollar f\u00fcr Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe aus, mehr als f\u00fcr Forschung. Boeing hat \u00fcber zwei Jahrzehnte hundert Milliarden Dollar in Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe gesteckt \u2013 Geld, das in die Entwicklung neuer Flugzeuge h\u00e4tte flie\u00dfen k\u00f6nnen. Die Folge waren die 737-MAX-Abst\u00fcrze und die nachfolgenden Qualit\u00e4tsprobleme, die das Unternehmen heute in eine existenzielle Krise st\u00fcrzen. Was als Effizienzsteigerung beworben wurde, war strukturelle Substanzentwertung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens, in der Politik. <\/strong>Die Verflechtung zwischen Finanzwelt und Politik ist nach 2008 enger geworden, nicht lockerer. Ehemalige Goldman-Sachs-Mitarbeiter besetzen Schl\u00fcsselpositionen in Notenbanken, Finanzministerien, EU-Kommission, IWF. Mario Draghi, der heutige italienische Politiker, war vorher EZB-Pr\u00e4sident und davor bei Goldman Sachs. Mark Carney, ehemaliger Gouverneur der Bank of England und der Bank of Canada, war ebenfalls bei Goldman Sachs. Janet Yellen, ehemalige US-Notenbankchefin und Finanzministerin, ist eng mit den Wall-Street-Banken verbunden. Christine Lagarde, EZB-Pr\u00e4sidentin, war IWF-Chefin und franz\u00f6sische Finanzministerin. Henry Paulson, US-Finanzminister w\u00e4hrend der Krise 2008, war vorher CEO von Goldman Sachs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist nicht Verschw\u00f6rung. Es ist strukturelle Folge der Tatsache, dass die Finanzwelt das beste Personal anzieht und dieses Personal in andere Institutionen wandert. Aber es produziert eine kognitive Schlie\u00dfung. Die Menschen, die das Finanzsystem regulieren sollen, kommen aus dem Finanzsystem und kehren oft dorthin zur\u00fcck. Sie denken in den Kategorien dieses Systems. Sie sehen seine Welt mit seinen Augen. Andere Perspektiven \u2013 die der Realwirtschaft, der sozialen Bewegungen, der \u00f6kologischen Wissenschaft \u2013 haben strukturell schwerere Zug\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viertens, in der Klimakrise. <\/strong>Die Klimatransformation, die historisch beispiellose Investitionen verlangt, scheitert teilweise an der Finanzlogik. Was sich kurzfristig nicht rentiert, wird nicht finanziert. Was sich kurzfristig rentiert, wird finanziert, selbst wenn es langfristig \u00f6kologisch problematisch ist. Die fossile Industrie bekommt weiterhin Milliarden an Investitionen, obwohl ihre Gesch\u00e4ftsmodelle mittel- bis langfristig nicht tragf\u00e4hig sind. Die Erneuerbaren bekommen weniger, als sie br\u00e4uchten, weil die kurzfristigen Renditen oft niedriger sind. ESG-Standards versuchen das zu korrigieren, sind aber in der Praxis oft Marketing, nicht Substanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die Finanzwelt verteidigen will, sagt: Sie ist effizient, sie alloziert Kapital, sie erm\u00f6glicht Wirtschaftswachstum, sie verschafft uns allen Vorteile. Das ist teilweise wahr. Aber die Frage ist nicht, ob die Finanzwelt gebraucht wird. Das wird sie. Die Frage ist, ob sie in ihrer aktuellen Form <strong>dominant <\/strong>sein darf. Die luhmannsche Antwort ist klar: Nein. Ein Funktionssystem darf seine Codierung nicht in andere Systeme exportieren, ohne dass die Differenzierung erodiert. Was die Finanzwelt heute tut, ist genau das.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ein Auszug aus Benno Fl\u00fcgels neuem Sachbuch <em>Empire of Art, Love and Science \u2013 Theorie der Systeme<\/em>. Mehr Infos zum Buch: <a href=\"https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/\">https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanzwelt ist das System, in dem die Codierungsexpansion am tiefsten vorangeschritten ist. Sie ist nicht mehr nur ein Subsystem der Wirtschaft, das Kapital f\u00fcr die Realwirtschaft verteilt. 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