{"id":1058,"date":"2026-08-18T11:14:46","date_gmt":"2026-08-18T10:14:46","guid":{"rendered":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1058"},"modified":"2026-08-18T11:34:36","modified_gmt":"2026-08-18T10:34:36","slug":"die-realwirtschaft-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/rasf.eu\/?p=1058&lang=de","title":{"rendered":"Die Realwirtschaft unter Druck"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Realwirtschaft ist der Bereich, in dem tats\u00e4chlich produziert wird \u2013 Autos, Maschinen, Lebensmittel, Software, Dienstleistungen. Sie ist nicht prim\u00e4r \u00f6konomische Spekulation, sondern materielle Wertsch\u00f6pfung. In den letzten Jahrzehnten ist sie unter Druck geraten, und zwar von mehreren Seiten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erstens, durch die Codierungsdominanz der Finanzwelt. <\/strong>Wir haben das schon gesehen. Unternehmen werden zunehmend nach Quartalsergebnissen optimiert, statt langfristige Substanz aufzubauen. Mittelst\u00e4ndische Strukturen werden von Private-Equity-Investoren \u00fcbernommen, restrukturiert nach finanzieller Logik, in wenigen Jahren weiterverkauft. Die Wertsch\u00f6pfung kommt nicht prim\u00e4r aus operativer Verbesserung, sondern aus finanzieller Optimierung \u2013 Steuergestaltung, Hebelung durch Fremdkapital, Effizienzsteigerung durch Personalabbau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das deutsche Mittelstandsmodell, das in seiner historischen Form eine St\u00e4rke der deutschen Wirtschaft war, ger\u00e4t unter Druck. Familienunternehmen, die in der dritten oder vierten Generation gef\u00fchrt wurden, werden an Private-Equity-Investoren verkauft, weil die Erbengeneration sich nicht mehr f\u00fcr das Gesch\u00e4ft interessiert oder weil die Kapitalanforderungen f\u00fcr notwendige Investitionen zu hoch werden. Was an Stelle der familienbasierten F\u00fchrung tritt, ist oft eine fremdkapitalfinanzierte Restrukturierung mit kurzfristigem Renditeziel. Die langfristige Substanz erodiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens, durch die geopolitische Fragmentierung. <\/strong>Was nach 1990 als Globalisierung schien, kehrt sich teilweise um. Lieferketten werden unsicher. Die Halbleiter-Krise 2021 und 2022 hat gezeigt, wie verwundbar die globale Produktion ist, wenn an wenigen Stellen Engp\u00e4sse auftreten. Taiwan produziert \u00fcber 90 Prozent der modernsten Chips weltweit, in einer Region, die geopolitisch hochsensibel ist. Eine Eskalation zwischen China und Taiwan w\u00fcrde die Weltwirtschaft in eine Krise st\u00fcrzen, die alles bisherige in den Schatten stellen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plus der Energiekrieg, der mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 begann. Europa, das jahrzehntelang auf billiges russisches Gas gesetzt hatte, musste seine Energieversorgung in Rekordzeit umbauen. Die Realwirtschaft, vor allem die energieintensive Industrie \u2013 Stahl, Chemie, Glas, Keramik \u2013 wurde mit Energiepreisen konfrontiert, die ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit in Frage stellten. BASF, der weltgr\u00f6\u00dfte Chemiekonzern, hat in Ludwigshafen tausende Arbeitspl\u00e4tze gestrichen und Produktion nach China verlagert. Die Auswirkungen auf den deutschen Industriestandort sind erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens, durch die Klimatransformation. <\/strong>Die Notwendigkeit, fossile Strukturen durch klimafreundliche zu ersetzen, ist real und dr\u00e4ngend. Aber sie betrifft die Realwirtschaft besonders hart. Stahlwerke m\u00fcssen auf Wasserstoff umgestellt werden. Chemiebetriebe m\u00fcssen ihre Prozesse dekarbonisieren. Automobilindustrie muss von Verbrennern auf Elektromobilit\u00e4t wechseln. Bauwirtschaft muss klimaneutral werden. Landwirtschaft muss umgebaut werden. Jede dieser Transformationen verlangt enorme Investitionen, lange Planungshorizonte, technologische Innovation. Wer die Investitionen nicht stemmt, geht unter. Wer sie stemmt, muss sie \u00fcber Jahrzehnte refinanzieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter Shareholder-Value-Bedingungen ist das schwer leistbar. Die Investitionen sind hoch, die Renditen liegen weit in der Zukunft, die Risiken sind erheblich. Aktion\u00e4re, die kurzfristige Renditen wollen, dr\u00e4ngen gegen solche Investitionen. Das f\u00fchrt zu einem Konflikt zwischen \u00f6kologischer Notwendigkeit und finanzieller Rationalit\u00e4t, der bisher selten zugunsten der \u00f6kologischen Notwendigkeit entschieden wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Viertens, durch den demografischen Wandel. <\/strong>In den meisten entwickelten L\u00e4ndern altert die Bev\u00f6lkerung dramatisch. Deutschland, Italien, Japan, S\u00fcdkorea und mittlerweile auch China stehen vor demografischen Verschiebungen, deren Folgen erst beginnen sichtbar zu werden. Fachkr\u00e4fte werden knapp. Bestimmte Berufe finden keinen Nachwuchs mehr. Handwerk, Pflege, Industrieproduktion leiden unter Personalmangel. Die Antwort w\u00e4re eigentlich klar: h\u00f6here L\u00f6hne, bessere Arbeitsbedingungen, Migration. Aber alle drei sind politisch schwierig, weil sie an verschiedenen Stellen Widerstand produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>F\u00fcnftens, durch die KI-Disruption. <\/strong>K\u00fcnstliche Intelligenz wird in den n\u00e4chsten zwei Jahrzehnten erhebliche Teile der Realwirtschaft ver\u00e4ndern. Was sich automatisieren l\u00e4sst, wird automatisiert. Was sich nicht automatisieren l\u00e4sst, wird teurer. Die Verteilung der Wertsch\u00f6pfung verschiebt sich. Wer KI-Infrastruktur kontrolliert \u2013 NVIDIA, OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft \u2013 profitiert massiv. Wer in Branchen arbeitet, die durch KI ersetzbar werden, ger\u00e4t unter Druck. Die soziale Polarisierung versch\u00e4rft sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was diese f\u00fcnf Dr\u00fccke zusammen produzieren, ist eine <strong>strukturelle Schw\u00e4chung der Realwirtschaft<\/strong>. Was sie gerettet hat, ist ihrematerielle Verankerung. Eine Fabrik kann man nicht in Sekundenverlagern wie eine Investition. Ein Handwerksbetrieb braucht Jahre,um aufgebaut zu werden. Eine Lieferkette hat physische Knotenpunkte,die nicht beliebig austauschbar sind. Diese Tr\u00e4gheit ist Schutz und Lastzugleich \u2013 sie verhindert schnelle Disruption, aber sie erschwert auch Anpassung. Die deutschen Hidden Champions, die mittelst\u00e4ndischen Weltmarktf\u00fchrer in spezialisierten Nischen, sind ein Beispiel f\u00fcr eine Realwirtschaft, die sich gegen die Codierungsdominanz der Finanzweltbehauptet hat. Aber auch sie geraten zunehmend unter Druck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ein Auszug aus Benno Fl\u00fcgels neuem Sachbuch <em>Empire of Art, Love and Science \u2013 Theorie der Systeme<\/em>. Mehr Infos zum Buch: <a href=\"https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/\">https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Realwirtschaft ist der Bereich, in dem tats\u00e4chlich produziert wird \u2013 Autos, Maschinen, Lebensmittel, Software, Dienstleistungen. Sie ist nicht prim\u00e4r \u00f6konomische Spekulation, sondern materielle Wertsch\u00f6pfung. 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