{"id":1053,"date":"2026-08-18T11:10:31","date_gmt":"2026-08-18T10:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/rasf.eu\/?p=1053"},"modified":"2026-08-18T11:38:34","modified_gmt":"2026-08-18T10:38:34","slug":"das-mediensystem-im-zerfall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/rasf.eu\/?p=1053&lang=de","title":{"rendered":"Das Mediensystem im Zerfall"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Mediensystem hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend transformiert. Was zuvor als Vermittlungsinstanz zwischen den anderen Systemen funktionierte \u2013 Politik beobachtet durch Medien, Wirtschaft kommuniziert durch Medien, Wissenschaft erreicht die \u00d6ffentlichkeit durch Medien \u2013 ist heute selbst eine zentrale Krisenzone.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alte Gesch\u00e4ftsmodell der Tageszeitungen \u2013 Abonnement plus Anzeigen \u2013 ist weitgehend zusammengebrochen. Die Anzeigen sind zu Google und Meta abgewandert, die Abonnenten werden weniger. In den USA ist die Zahl der Tageszeitungen seit 2005 um etwa ein Viertel gesunken. \u00dcber 2000 lokale Zeitungen sind verschwunden. Ganze Counties haben keine eigene Tageszeitung mehr \u2013 die ber\u00fchmten <strong>news deserts<\/strong>, die in mehreren Studien dokumentiert sind. Lokaljournalismus, der jahrzehntelang die demokratische Substanz amerikanischer Politik mitgetragen hatte, ist in vielen Regionen ausgestorben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland ist die Lage weniger dramatisch, aber strukturell \u00e4hnlich. Auflagen der Tageszeitungen sinken seit Jahrzehnten. Redaktionen schrumpfen. Lokalressorts werden zusammengelegt oder eingestellt. Investigative Recherche wird teurer, als sie sich rentiert. Die gro\u00dfen H\u00e4user \u2013 S\u00fcddeutsche, FAZ, Zeit, Welt, taz \u2013 pflegen ihre Qualit\u00e4t auf hohem Niveau, aber sie operieren in einer Branche, deren \u00f6konomische Basis erodiert. Das deutsche Modell der \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender ist hier ein Stabilit\u00e4tsfaktor, aber auch er steht unter Druck. ARD und ZDF werden politisch angefochten, die Rundfunkbeitr\u00e4ge sind umstritten, junge Zielgruppen werden \u00fcber klassische Programme nicht mehr erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stattdessen dominieren Plattformen, deren Algorithmen nicht nach journalistischen Kriterien, sondern nach Engagement-Optimierung selektieren. Das produziert eine Verschiebung der medialen Logik selbst. Was fr\u00fcher Journalisten entschieden \u2013 was wird berichtet, in welcher Reihenfolge, mit welcher Gewichtung \u2013 entscheiden heute Algorithmen. Die Selektionskriterien sind anders. Klassische Medien selektierten nach Bedeutsamkeit, Aktualit\u00e4t, gesellschaftlicher Relevanz. Algorithmen selektieren nach Engagement, also nach dem, was Aufmerksamkeit erzeugt und Verweildauer maximiert. Das sind nicht dieselben Kriterien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Folge ist eine Fragmentierung der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, ein Zerfall der gemeinsamen Faktenbasis und eine Beschleunigung, die politisches Nachdenken erschwert. Fox News, OAN, Newsmax auf der einen Seite. CNN, MSNBC, NYT auf der anderen. Eine gemeinsame Faktenbasis existiert in den USA kaum noch. Politische Debatten werden in inkommensurablen Welten gef\u00fchrt. Was die eine Seite als bewiesen ansieht, ist f\u00fcr die andere Verschw\u00f6rung. Was die eine Seite als gerecht empfindet, ist f\u00fcr die andere Tyrannei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland ist die Lage moderater, aber die Tendenz zeigt in die gleiche Richtung. Die etablierten Medien werden zunehmend politisch eingeordnet. Wer ARD und ZDF sieht, gilt manchen als Mainstream. Wer Tichys Einblick oder Welt-TV bevorzugt, gilt anderen als rechts. Wer taz oder Jacobin liest, gilt wieder anderen als links. Diese Etikettierung ist nicht prim\u00e4r falsch, aber sie zeigt, dass die Idee einer gemeinsamen medialen Sph\u00e4re, in der alle gesellschaftlichen Gruppen sich treffen, erodiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Plus die geopolitische Verschiebung der Plattformen. <\/strong>Die wichtigsten Plattformen sind in Privatbesitz, oft in einzelnen Personen konzentriert. TikTok ist chinesisch und untersteht im Zweifel der chinesischen Regierung. X ist Elon Musks Eigentum und folgt seinen politischen Pr\u00e4ferenzen. Meta ist Mark Zuckerbergs Konzern und hat sich nach Trumps Wahl 2024 explizit politisch repositioniert. Google steht im Schatten der US-Regierung. Die europ\u00e4ischen Plattformen existieren kaum. Das Mediensystem ist nicht mehr im klassischen Sinn \u00f6ffentlich, es ist privatisiert in einer Form, die Funktionsverlust riskiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Elon Musks \u00dcbernahme von Twitter im Oktober 2022 hat exemplarisch gezeigt, wie schnell sich eine zentrale \u00f6ffentliche Infrastruktur ver\u00e4ndern kann, wenn ein einzelner Eigent\u00fcmer das will. Was vorher als globaler Kurznachrichtendienst funktionierte, in dem Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Aktivisten kommunizierten, ist heute X, eine Plattform mit deutlich verschobenen Selektionsmustern. Konservative und rechtsextreme Stimmen werden algorithmisch verst\u00e4rkt. Linksliberale und progressive Stimmen werden algorithmisch ged\u00e4mpft. Was als Meinungsfreiheit beworben wurde, ist in der Praxis eine selektive Befreiung bestimmter Stimmen bei gleichzeitiger Erschwerung anderer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Plus die Erosion der Grenzen zwischen Journalismus und PR, zwischen Nachricht und Werbung, zwischen Information und Inszenierung. Im professionellen Mediensystem war der Unterschied zwischen Journalismus und PR, zwischen Nachricht und Werbung, zwischen Recherche und Meinung klar markiert. In der Plattform\u00f6konomie verschwimmen diese Grenzen. Ein Influencer-Post sieht aus wie ein Journalismus-Beitrag. Ein Werbespot ist optisch identisch mit einem informativen Video. Eine Behauptung eines Anonymen kann millionenfach geteilt werden, ohne dass je gepr\u00fcft wird, ob sie stimmt. Die Differenzierung, die das Funktionssystem ausmachte, erodiert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was an deutschen Strukturen positiv zu vermerken ist: Das duale System aus \u00f6ffentlich-rechtlichen und privaten Medien, kombiniert mit einer dichten regionalen Tageszeitungslandschaft, einer professionellen journalistischen Ausbildung, einer relativen Unabh\u00e4ngigkeit der Redaktionen, einer Tradition des Qualit\u00e4tsjournalismus. Das ist nicht das Beste aller m\u00f6glichen Mediensysteme, aber es ist in der Gesamtbetrachtung weltweit f\u00fchrend in seiner Substanz. Es zu verteidigen ist eine zentrale Aufgabe, die heute aktiv geleistet werden muss, weil sie nicht selbstverst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ein Auszug aus Benno Fl\u00fcgels neuem Sachbuch <em>Empire of Art, Love and Science \u2013 Theorie der Systeme<\/em>. Mehr Infos zum Buch: <a href=\"https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/\">https:\/\/bennofluegel.de\/buecher\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Mediensystem hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend transformiert. 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