Simon Sinek über die sozialen Aspekte von social media und smartphones

Als stolzer asoziale Medien-Verweigerer bekomme ich ja nichts mit, wie mein realer Freund Julian so gerne sagt, daher kannte ich dieses Video trotz der Millionen plays bis eben noch nicht.

Also für all diejenigen, denen es auch so ging: Simon Sinek bringt die sozialen Aspekte von social media und smartphone-Sucht wunderbar prägnant auf den Punkt. Unbedingt sehenswert!

Und für alle, die vielleicht an der einen oder anderen Stelle nicht ganz mitkommen, habe ich Simons Rede ins Deutsche transskribiert (3’16“ bis 10’23“, stellenweise etwas freier übersetzt):

Wir wissen, dass die Beschäftigung mit sozialen Medien und unseren Mobiltelefonen eine chemische Substanz namens Dopamin freisetzt. Das ist der Grund dafür, dass es sich so guuuuut anfühlt, wenn eine Nachricht reinkommt, oder? Du weißt doch, wir kennen das alle, Du fühlst Dich ein bisschen niedergeschlagen und Du fühlst Dich ein bisschen allein, also schickst Du zehn Nachrichten an zehn Freunde: Hi, Hi, Hi, Hi, Hi, … (Publikum lacht) Weil es sich gut anfühlt, wenn man eine Antwort bekommt. Oder? Oder? Darum zählen wir auch die Likes, darum gehen wir zehn Mal zurück, um nachzusehen, und wenn ich sehe, dass auf meinem Instagram nicht so viel los ist, frage ich mich, mnjaja, habe ich etwas falsch gemacht, mögen sie mich nicht mehr? Das Trauma für junge Leute, ent-freundet zu werden, ja? Wir wissen, wenn Du es bekommst, kickt Dich Dopamin, was sich gut anfühlt, weshalb wir immer wieder darauf zurückkommen.

Dopamin ist genau die selbe Substanz, die dafür sorgt, dass wir uns gut fühlen, wenn wir rauchen, wenn wir saufen und beim Glücksspiel. In anderen Worten, sie macht sehr, sehr stark süchtig, ok? Es gibt Altersbeschränkungen für das Rauchen, für Glücksspiel und für Alkohol, aber es gibt keine Altersbeschränkungen für soziale Medien und Mobiltelefone, was das gleiche ist, als würden wir zu Hause den Schnapsschrank öffnen und unseren Teenagern sagen: Oh, übrigens, wenn Dich diese Pubertätssache runterzieht… (grinsen, zeigt auf ein imaginäres Alkoholangebot – großes Gelächter im Publikum). Aber das ist im Prinzip, was passiert. So ist es, oder? So ist es; Wir haben es mit einer ganzen Generation zu tun, die Zugriff hat auf ein Betäubungsmittel namens Dopamin durch die Nutzung von sozialen Medien und Handys, während sie die großen Belastungen der Pubertät durchleben. Warum ist das wichtig? Fast alle Alkoholiker entdeckten Alkohol als Teenager. Wenn wir sehr, sehr jung sind, ist die einzige Erlaubnis, die wir brauchen, die Erlaubnis unserer Eltern. Und in der Pubertät durchleben wir den Übergang, dass wir nun die Erlaubnis von Gleichaltrigen in unserem Freundeskreis brauchen. Sehr frustrierend für unsere Eltern, sehr wichtig für uns, weil wir uns so die Kultur einer größeren Sippe aneignen. Dies ist eine hochgradig belastende und beunruhigende Phase unseres Lebens und wir sollten dabei für den Rest unseres Lebens lernen, dass wir uns auf unsere Freunde verlassen können.

Aber einige Leute entdecken dabei zufällig Alkohol und den betäubenden Effekt von Dopamin, um mit dem Stress und der Angst während der Pubertät umzugehen. Unglücklicherweise wird dies für den Rest ihres Lebens in ihren Gehirnen hart verdrahtet, sodass sie, wenn sie unter signifikantem Stress leiden, sich nicht einem Menschen zuwenden, sondern der Flasche. Sozialer Stress, Geldsorgen, Stress im Job, das sind so ziemlich die wichtigsten Gründe, warum Alkoholiker trinken, ja? Was nun passiert, weil wir uneingeschränkten Zugriff auf diese Dopamin produzierenden Geräte und Medien erlauben, ist, dass es hart verdrahtet wird.

Zu viele Kids wissen nicht mehr, wie man tiefe, bedeutsame Beziehungen formt – so sagen sie selbst, nicht ich. Sie geben zu, dass viele ihrer Freundschaften oberflächlich sind. Sie geben zu, dass sie sich nicht auf ihre Freunde verlassen, sie haben mit ihren Freunden Spaß, aber sie wissen auch, dass ihre Freunde sofort wieder weg sind, sobald etwas Besseres vorbeikommt. Es gibt keine tiefen, bedeutsamen Beziehungen, weil die dafür notwendigen Fähigkeiten nie geübt werden und, schlimmer noch, sie kennen keine Strategien, um Stress zu bewältigen, sodass, wenn in ihrem Leben signifikante Belastungen auftauchen, sie sich nicht einem Menschen zuwenden, sondern einem Gerät. Die wenden sich sozialen Medien zu, die wenden sich diesen Dingen zu, die kurzfristige Erleichterung verschaffen. Wir wissen, die wissenschaftlichen Ergebnisse sind eindeutig, wir wissen, das Leute, die mehr Zeit auf facebook verbringen, mit höherer Wahrscheinlichkeit an Depressionen erkranken als Leute, die weniger Zeit mit facebook zubringen, ja? Man muss diese Sachen ins Gleichgewicht bringen; Alkohol ist nicht schlecht, zu viel Alkohol ist schlecht. Glücksspiel macht Spaß, zu viel Glücksspiel ist gefährlich, ja? An sozialen Medien und Mobiltelefonen ist nichts falsch, es ist das Ungleichgewicht, richtig?

Wenn Du mit Deinen Freunden Essen gehst und Du mit jemandem chattest, der nicht dabei ist – ist das ein Problem, das ist eine Sucht. Wenn Du in einem Meeting sitzt mit Leuten, denen Du zuhören solltest und mit denen Du Dich unterhalten solltest, und Du Dein Telefon auf den Tisch legst, umgedreht oder nicht, mir egal, schickst Du eine unterbewusste Nachricht an die Leute im Raum, dass sie Dir einfach nicht so wichtig sind im Moment. Das passiert, und der Grund dafür, dass Du es nicht weglegen kannst ist, dass Du süchtig bist, richtig? Wenn Du aufwachst und Dein Smartphone checkst, bevor Du Deiner Freundin, Deinem Freund oder Deinem Ehepartner guten Morgen gesagt hast, dann bist Du süchtig. Und wie jede Sucht wird auch diese mit der Zeit Deine Beziehungen zerstören, sie wird Zeit kosten, sie wird Geld verschlingen und Dein Leben wird schlimmer.

Also, wir haben es mit einer Generation mit geringem Selbstbewusstsein zu tun, die nicht über die Fähigkeit verfügt, mit Stress umzugehen. Jetzt kommt noch die Ungeduld dazu. Sie sind in einer Welt der sofortigen Belohnungen aufgewachsen. Willst Du etwas kaufen, gehst Du zu Amazon und am nächsten Tag ist es da. Willst Du einen Film sehen, log Dich ein und schau‘ Deinen Film, Du musst nicht einmal nachsehen, wann er läuft. Du willst Deine Serie sehen – Konsumrausch – Du musst nicht mal Woche um Woche abwarten. Ich kenne Leute, die ganze Staffeln überspringen, um sich gleich am Ende der Staffel berauschen zu können (Zuschauerin nickt). Sofortige Belohnung (schnipp, schnipp). Du willst ein Date? Du musst noch nicht mal lernen, wie man so… „heeeeey, …“ (tut verlegen, großes Gelächter). Du musst diese Fähigkeit noch nicht mal erlernen und üben, Du musst nicht mit der unglücklichen Situation klarkommen – ist ein Ja nun ein Ja oder ein Nein, oder sagt sie Nein, wenn sie Ja meint… Einfach nach rechts wischen, yeeeaaah, was bin für ich ein geiler Hengst! (Gelächter) Du musst noch nicht mal die sozialen Bewältigungsmechanismen lernen, richtig? Alles was Du willst, bekommst Du sofort. Alles was Du willst, sofortige Belohnung – Außer: Zufriedenheit im Job und starke Beziehungen, dafür gibt’s keine App. Dies sind langsame, sich windende, unbequeme, chaotische Prozesse.

Ich treffe immer wieder wundervolle, fantastische, idealistische, fleißige, schlaue Kids, die gerade ihren Schulabschluss hinter sich haben und ihren ersten Job angefangen haben, wir setzen uns und ich frage „wie läuft’s?“, und die so „ich glaube, ich kündige wieder“, und ich so „waruuum?“, sie „ich kann gar nichts verändern“, darauf ich: „Du bist hier seit aaaacht Monaten!“. (Gelächter) „weißt Du?“

Es ist so, als wenn sie am Fuß eines Berges stehen und sie kennen dieses abstrakte Konzept namens Weltverbesserung, das ist der Gipfel, aber sie sehen den Berg nicht. Es ist mir egal, ob man den Berg langsam oder schnell besteigt, aber es ist und bleibt ein Berg. Was die junge Generation erlernen muss, ist Geduld. Dass einige Dinge, die wirklich, wirklich bedeutsam sind, wie Liebe, oder Erfüllung im Job, Freude, Lebenslust, Selbstbewusstsein, Fähigkeiten, alles davon, das alles braucht Zeit, manchmal kann man Teile beschleunigen, aber die Reise insgesamt ist mühsam und lang und schwierig, und wenn Du nicht um Hilfe bittest, und Dir Fähigkeiten aneignest, wirst Du vom Berg abstürzen oder Du wirst…

Der schlimmste anzunehmende Fall ist, und wir können das schon beobachten, der schlimmste Fall ist, dass in dieser Generation die Selbstmordrate zunimmt, dass Todesfälle durch Überdosierung zunehmen, dass mehr und mehr Jugendliche die Schule abbrechen oder sich krankschreiben lassen wegen Depressionen, das ist noch nie dagewesen. Das ist echt schlimm.

Der bestmögliche Fall ist, dass eine ganze Gesellschaft aufwächst und durch’s Leben geht, ohne jemals echtes Glück zu erfahren. Sie werden niemals wirklich tiefe, tiefe Befriedigung erfahren bei der Arbeit oder im Leben. Sie werden nur durch’s Leben gehen und es wird nur so sein: „alles gut“ – „wie ist Dein job?“ – „alles gut, so wie gestern“ – „wie geht’s mit Deiner Beziehung“ – „alles gut“. Das, das ist der beste Fall.

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