Die Finanzwelt ist das System, in dem die Codierungsexpansion am tiefsten vorangeschritten ist. Sie ist nicht mehr nur ein Subsystem der Wirtschaft, das Kapital für die Realwirtschaft verteilt. Sie ist zu einer dominanten Logik geworden, die andere Bereiche durchdringt und transformiert.
Was 2008 als Krise diagnostiziert wurde, hat sich nicht aufgelöst, sondern verschoben. Die Banken sind nach 2008 nicht kleiner geworden, sondern größer. Die Konzentration im Bankenwesen hat sich verschärft. Die zehn größten globalen Banken kontrollieren heute einen größeren Anteil des Weltfinanzsystems als 2007. JP Morgan, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo in den USA. HSBC und Barclays in Großbritannien. BNP Paribas in Frankreich. UBS in der Schweiz, die nach der Fusion mit Credit Suisse zu einem Giganten geworden ist, der das Schweizer BIP übersteigt. ICBC und China Construction Bank in China. Diese Banken sind too big to fail. Sie wissen es. Die Märkte wissen es. Die Politik weiß es. Das produziert eine strukturelle Asymmetrie: Gewinne werden privatisiert, Verluste werden im Krisenfall sozialisiert.
Plus die Verschiebung in den Shadow-Banking-Bereich. Hedgefonds wie Bridgewater Associates, Renaissance Technologies, Citadel. Private-Equity-Gesellschaften wie Blackstone, KKR, Apollo, Carlyle. Diese Akteure operieren mit Volumina, die den Bilanzsummen großer Banken nahekommen, ohne der gleichen Regulierung zu unterliegen. Sie sind die Schattenseite des Bankensystems, in der die riskanten Geschäfte gemacht werden, die die regulierten Banken nicht mehr machen dürfen oder wollen.
Die Folgen dieser Hypertrophie zeigen sich in mehreren Bereichen. Erstens, im Wohnungsmarkt. In den großen Städten Europas und Nordamerikas sind Wohnungen zur globalen Anlageklasse geworden. Vonovia in Deutschland kontrolliert über 500.000 Wohnungen. Blackstone hat im letzten Jahrzehnt zig Milliarden in Wohnimmobilien investiert. Akelius operiert in mehreren europäischen Hauptstädten. Was diese Akteure tun, ist nicht zwingend illegal. Es folgt der Marktlogik. Aber es produziert eine Folge, die politisch problematisch ist: Wohnen, das früher ein soziales Gut war, wird zum Vermögensspielfeld. Wer kein Vermögen hat, kann sich Wohnen in den Zentren kaum noch leisten. Die soziale Mischung der Städte erodiert. Die Mittelschichten werden verdrängt. Die Ungleichheit verschärft sich.
Zweitens, in der Realwirtschaft. Unternehmen, die früher langfristig orientiert waren, optimieren heute auf Quartalsergebnisse. Aktienrückkäufe ersetzen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Apple gibt jährlich über 90 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe aus, mehr als für Forschung. Boeing hat über zwei Jahrzehnte hundert Milliarden Dollar in Aktienrückkäufe gesteckt – Geld, das in die Entwicklung neuer Flugzeuge hätte fließen können. Die Folge waren die 737-MAX-Abstürze und die nachfolgenden Qualitätsprobleme, die das Unternehmen heute in eine existenzielle Krise stürzen. Was als Effizienzsteigerung beworben wurde, war strukturelle Substanzentwertung.
Drittens, in der Politik. Die Verflechtung zwischen Finanzwelt und Politik ist nach 2008 enger geworden, nicht lockerer. Ehemalige Goldman-Sachs-Mitarbeiter besetzen Schlüsselpositionen in Notenbanken, Finanzministerien, EU-Kommission, IWF. Mario Draghi, der heutige italienische Politiker, war vorher EZB-Präsident und davor bei Goldman Sachs. Mark Carney, ehemaliger Gouverneur der Bank of England und der Bank of Canada, war ebenfalls bei Goldman Sachs. Janet Yellen, ehemalige US-Notenbankchefin und Finanzministerin, ist eng mit den Wall-Street-Banken verbunden. Christine Lagarde, EZB-Präsidentin, war IWF-Chefin und französische Finanzministerin. Henry Paulson, US-Finanzminister während der Krise 2008, war vorher CEO von Goldman Sachs.
Das ist nicht Verschwörung. Es ist strukturelle Folge der Tatsache, dass die Finanzwelt das beste Personal anzieht und dieses Personal in andere Institutionen wandert. Aber es produziert eine kognitive Schließung. Die Menschen, die das Finanzsystem regulieren sollen, kommen aus dem Finanzsystem und kehren oft dorthin zurück. Sie denken in den Kategorien dieses Systems. Sie sehen seine Welt mit seinen Augen. Andere Perspektiven – die der Realwirtschaft, der sozialen Bewegungen, der ökologischen Wissenschaft – haben strukturell schwerere Zugänge.
Viertens, in der Klimakrise. Die Klimatransformation, die historisch beispiellose Investitionen verlangt, scheitert teilweise an der Finanzlogik. Was sich kurzfristig nicht rentiert, wird nicht finanziert. Was sich kurzfristig rentiert, wird finanziert, selbst wenn es langfristig ökologisch problematisch ist. Die fossile Industrie bekommt weiterhin Milliarden an Investitionen, obwohl ihre Geschäftsmodelle mittel- bis langfristig nicht tragfähig sind. Die Erneuerbaren bekommen weniger, als sie bräuchten, weil die kurzfristigen Renditen oft niedriger sind. ESG-Standards versuchen das zu korrigieren, sind aber in der Praxis oft Marketing, nicht Substanz.
Wer die Finanzwelt verteidigen will, sagt: Sie ist effizient, sie alloziert Kapital, sie ermöglicht Wirtschaftswachstum, sie verschafft uns allen Vorteile. Das ist teilweise wahr. Aber die Frage ist nicht, ob die Finanzwelt gebraucht wird. Das wird sie. Die Frage ist, ob sie in ihrer aktuellen Form dominant sein darf. Die luhmannsche Antwort ist klar: Nein. Ein Funktionssystem darf seine Codierung nicht in andere Systeme exportieren, ohne dass die Differenzierung erodiert. Was die Finanzwelt heute tut, ist genau das.
Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/
