Regulate Big Tech! Stop Digital Dystopia!

Während die deutsche Wirtschaft seit 6 Jahren real stagniert, steigern die digitalen Plattformen ihre Gewinne seit Jahren in zuvor ungekannte Höhen. Allein Googles Muttergesellschaft Alphabet machte im abgelaufenen Jahr 125 Milliarden Dollar Gewinn, ungefähr genauso viel wie alle Dax-Konzerne zusammen. Die Vormachtstellung der digitalen Plattformen bleibt nicht ohne Folgen. Aufgrund ihrer Monopole in den jeweiligen Märkten, die sie durch aggressive Strategien verteidigen, bereichern sie sich an Firmenkunden und Verbrauchern. Sie nutzen ihre technologischen Hebel, um überhöhte Preise für ihre Services und Produkte zu verlangen. Die wachsende ökonomische Unzufriedenheit in der Bevölkerung nährt das Ressentiment und führt schließlich zur Krise der Demokratie und dem Aufstieg autoritärer Herrschaft, die sich auf die zunehmende Konzentration von Macht in Wirtschaft und Gesellschaft stützt. Dieses Essay analysiert die Lage aus einer ökonomischen Perspektive und diskutiert Handlungsoptionen zur Sicherung der digitalen Souveränität.

Monopoly

Inflationsbereinigte Preise (2025 = 100)
Quelle: traderfox.com und aktionaer.de

Amazons Aufstieg zur dominierenden Kraft im Onlinehandel folgte einem geradlinigen Plan. Lange machte der Konzern keine nennenswerten Gewinne, sondern finanzierte sein Wachstum über dauerhaft niedrige Preise und quersubventionierte damit die eigenen Dienste. Auch die Händler profitierten lange: Die Plattform bot Services, die besonders unabhängigen Geschäftsleuten neue Chancen und Reichweite eröffneten.

Doch die Euphorie war nicht von Dauer. 2025 erzielte Amazon rund 75 Milliarden Dollar Gewinn. In den vergangenen Jahren wurden die Gebühren für Händler massiv angehoben, und wer in der Suche sichtbar bleiben will, muss teure Werbung buchen. Läuft ein Produkt besonders gut, bringt Amazon kurzerhand eine eigene, günstigere Variante auf den Markt. Weil der Konzern jede Bewegung auf der Plattform beobachten kann, fällt es ihm leicht, diese Marktmacht auszuspielen und zu missbrauchen.

Diese Praktiken stehen unter Beobachtung verschiedener Wettbewerbsbehörden. So haben etwa in Großbritannien bereits Handelsverbände Schadensersatzklagen eingereicht, allerdings ziehen sich die entsprechenden Verfahren teils über mehrere Jahre hin. Die Händler sind Amazons Methoden deshalb weitgehend schutzlos ausgeliefert. Aufgrund von 20 Millionen Prime-Konten in Deutschland ist der Wechsel auf andere Handels-Plattformen für viele schmerzhafter als der Verbleib im Amazon-Ökosystem.

Google wiederum verdient einen Großteil seiner Einnahmen mit Werbung. Mehrere Geschäftspraktiken wurden bereits gerichtlich beanstandet. So zahlt Google jährlich etwa 20 Milliarden Dollar, um auf Apple-Geräten als Standardsuchmaschine voreingestellt zu sein. Zudem nutzt das Unternehmen seine Rolle als Plattform, um die eigene Produktsuche (Google Shopping) gegenüber Wettbewerbern zu bevorzugen. Währenddessen sinkt die Qualität der Suche stetig; zwischen Anzeigen und gesponserten Treffern verliert man leicht den Überblick, welche Links überhaupt noch „normal“ sind. Der wirtschaftliche Wert dieser Monopolstellung: Allein der Gewinn mit seiner Suchmaschine im letzten Jahr wurde auf rund 70 Milliarden Dollar geschätzt.

Meta sicherte seine Marktmacht vor allem durch aggressive Zukäufe: rund 1 Milliarde Dollar für Instagram im Jahr 2012 und 2014 etwa 19 Milliarden Dollar für WhatsApp. Im Gegenzug treffen Nutzer auf Designs, die maximal süchtig machen sollen – mit Folgen, die gerade bei jungen Menschen die psychische Gesundheit belasten. Dazu kommen Heerscharen von Betrügern, die über zweifelhafte Krypto-Maschen leichtgläubige Anleger um ihr Geld bringen und Bot-Armeen, die mit Falschinformation unser politisches System destabilisieren. Metas Jahresgewinn liegt momentan bei etwa 60 Milliarden Dollar.

Viele Behörden und Unternehmen sind inzwischen stark von Microsoft abhängig. Der Konzern verkauft nicht nur Bürosoftware, sondern ein komplettes Ökosystem. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen können nur schwer wechseln: Microsoft erzeugt einen Lock-in-Effekt, der dem Unternehmen erhebliche Preissetzungsmacht verschafft. Zusätzlich wird für ältere Produkte häufig der Support eingestellt, um Firmen zum Wechsel auf neuere Produkte zu zwingen. Jahresgewinn im abgelaufenen Jahr: 100 Milliarden Dollar.

Apple hat diese Logik noch weiter verfeinert. Das Konzept heißt „Walled Garden“: ein geschlossenes, eng verzahntes Ökosystem, das durch Markenloyalität und einen fast religiösen Konsumfetisch stabilisiert wird – und Jahr für Jahr noch mehr Profit abwirft. Letztes Jahr waren es 112 Milliarden Dollar.

Extraktion

Nachdem die digitalen Plattformen ihre Monopole abgesichert hatten, begann die zweite Phase ihrer Strategie: Extraktion. Extraktion bedeutet, dass die Plattformen langsam und graduell ihre Preise erhöhen, und gleichzeitig ihre Services schlechter werden. Für Firmen und Geschäftsleute äußerst sich das in höheren Gebühren für Werbung bei Google, Amazon und Meta, steigenden Gebühren in Apples App Store sowie in steigenden Kosten für IT-Infrastruktur und Endgeräte. Konsumenten bezahlen direkt mit ihren Daten und ihrer Aufmerksamkeit, doch auch sie leiden unter erhöhten Preisen, weil viele Firmen die zusätzlichen Belastungen an ihre Kundschaft weiterreichen.

Außerdem verschlechtern sich die Services, etwa indem Werbung deutlich zunimmt (Google, Meta, Amazon) oder spürbare technische Neuerungen ausbleiben (wie häufig bei Apple). Für Konsumenten und Firmen sind diese Praktiken oft schwer zu durchschauen, und selbst wenn man sie bemerkt, fehlen oft echte Ausweichmöglichkeiten. Denn die Plattformen verfügen über eine Vielzahl fein justierter Hebel, mit denen sie Nutzerinnen und Nutzer auf ihren Angeboten halten. Das Machtgefälle ist enorm: Die Unternehmen besitzen die Daten und haben mit ihren Apps regelrechte Maschinen geschaffen, die sich zur Manipulation bequem einsetzen lassen.

In der Folge dringen die digitalen Plattformen in benachbarte Märkte vor, kannibalisieren sie und saugen deren Gewinne ab. Das trägt dazu bei, dass sich in den vergangenen Jahren die ökonomische Entwicklung der USA und Europas auseinanderbewegt hat: Während die US-Wirtschaft robust wächst, wirkt Europas Wirtschaft zunehmend schwach. Besonders deutlich zeigt sich diese Divergenz in den Produktivitätsstatistiken.

Kaufkraft- und inflationsbereinigte Preise (2020 = 100)
Quelle: OECD

Zwischen 2012 und 2017 entwickelte sich die Produktivität, gemessen als BIP pro geleistete Arbeitsstunde, in den USA und der Eurozone zunächst weitgehend parallel. Ab 2018, also genau in dem Moment, in dem die Gewinne der digitalen Plattformen spürbar anziehen, flacht die Produktivitätskurve in der Eurozone jedoch deutlich ab. Während die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde in Europa seit einigen Jahren stagniert, steigt sie in den USA kontinuierlich weiter. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die digitalen Plattformen ihre Gewinne Jahr für Jahr erhöhen und damit stark zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den USA beitragen.

Doch nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb der Gesellschaft kommt es durch diese Entwicklung zu einer Spaltung. Auf der einen Seite stehen jene, die profitieren: Ingenieurinnen und Ingenieure mit gefragten technischen Fähigkeiten sowie eine professionelle Klasse aus Beratern, Anwälten und Unternehmern, die rasch in hohe, oft sechsstellige Gehaltsregionen vorstoßen. Hinzu kommen Aktienbesitzer, die an der Entwicklung der digitalen Plattformen partizipieren.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die Kosten tragen: Menschen, die Arbeitsplätze und ökonomische Selbstständigkeit verlieren oder unter steigenden Preisen leiden. Dazu gehören Handwerker und andere Selbstständige, die auf Werbung bei Meta oder Google angewiesen sind oder ihre Produkte über Amazon verkaufen. Ebenso betroffen sind Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen, besonders in kreativen Branchen, denen durch wegbrechende Werbeeinnahmen die Grundlage entzogen wird, etwa dem Kulturbetrieb.

Hinzu kommt, dass gerade Menschen besonders stark getroffen werden, die aufgrund ohnehin schwieriger Lebensumstände kaum Möglichkeiten haben, sich gegen die Praktiken der digitalen Plattformen zu wehren. Denn dafür braucht es Bildung, Zeit und finanzielle Ressourcen – genau das, was vielen von Armut betroffenen Menschen meist fehlt.

Auch in den USA selbst bleiben die Menschen von dieser bedenklichen Entwicklung nicht verschont. Während an der Wall Street und im Silicon Valley die Gewinne sprudeln, zerbrechen andernorts Familien, und Menschen fliehen in die Sucht oder in Hände von Verschwörungserzählungen und Online-Sekten. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Weg in die Knechtschaft

Quelle: University of Michigan, The Index of Consumer Sentiment

Wenn der Siegeszug der digitalen Plattformen eine technische Revolution war, dann war dies eine der freudlosesten Revolutionen, die es je gab. Nach einem Hoch in den Zehnerjahren sank die Verbraucherstimmung in den USA aufgrund der Schockwellen der Coronapandemie, der darauffolgenden Inflation sowie des russischen Angriffskrieges auf ein historisches Tief von 50 Punkten im Juni 2022 (der Consumerindex der Universität Michigan existiert seit 1978). Im März 2024 erholte sich die Stimmung auf einen Indexwert von 79,4 Punkten, doch seitdem geht es wieder bergab hin zu einem Stand von 53,6 Punkten im Oktober 2025.

Während die Wahl Donald Trumps kurzfristig noch zu einem aufhellen der Verbraucherstimmung beitrug (74 Indexpunkte Dezember 2024), so stellte sich nach seiner Inauguration schnell Ernüchterung ein (52,2 im April 2025 nach Ankündigung der Zollpolitik). Zwar erholte sich die Stimmung im Sommer als klar wurde, dass die Zollpolitik nur in abgeschwächter Form durchgesetzt wird und viele Firmen nur zögerlich die Preise steigerten. Doch mittlerweile ist sie wieder nah an ihrem historischen Tief angekommen.

Der wichtigste Faktor für die schlechte Verbraucherstimmung sind sicherlich die weiterhin steigenden Preise und Zukunftssorgen aufgrund einer unsicheren Weltlage. Doch auch die Entwicklungen rund um die künstliche Intelligenz spielen eine Rolle. Überwiegten nach dem Release von ChatGPT im Herbst 2022 noch Vorfreude und die Hoffnung auf neu gemischte Karten, so hat sich die Stimmung mittlerweile gedreht und mehr Menschen, befürchten Arbeitsplatzverluste oder durch die Maschinen ersetzt zu werden. KI hatte das Potenzial, bestehende Machtblöcke aufzubrechen – stattdessen droht sie nun eher, die Marktmacht der Plattformen weiter zu befestigen. Hinzu kommen Befürchtungen über eine gigantische KI-Investitionsblase, die den Rest der Wirtschaft mit in den Abgrund reist.

Angst macht sich breit und diese Angst erzeugt Ressentiment, die sich gegen eine herrschende Elite richtet, die nicht mehr die eigenen Interessen vertritt, da hauptsächlich die digitalen Plattformen und ihre Partner vom bestehenden System profitieren. In den USA hat das Ressentiment den Aufstieg Donald Trumps begünstigt, der nun systematisch regulatorische Hürden für die digitalen Plattformen abbaut. Die Wettbewerbshüter agieren dabei auffallend zurückhaltend, und Fusionen sowie Übernahmen erreichen erneut Rekordniveau. Wird diese Entwicklung nicht konsequent kontrolliert, drohen eine weiter zunehmende Marktkonzentration und in der Folge steigende Preise. Zudem zeigt sich mancherorts eine kaum verdeckte Form von Korruption: Unternehmen sichern sich Zustimmung zu Fusionen etwa durch Spenden für Bauvorhaben wie einen neuen Ballsaal im Weißen Haus oder indem sie bekannte Late Night Show Hosts wie Stephen Colbert und Jimmy Kimmel feuern.

Als Folge der zunehmenden Marktkonzentration zieht seit Jahren ein globaler Sturm herauf, der nun auch Europa zu erfassen droht. Rechtsextreme Parteien gewinnen an Einfluss und gelangen an die Macht, während die Demokraten aufgrund veränderter Mehrheitsverhältnisse im Parlament nicht länger in der Lage sind, die politischen Herausforderungen zu bewältigen. Angesichts der internationalen Lage und des Drucks autokratischer Machthaber von außen setzt eine Dysfunktion des politischen Systems ein, die kaum noch zu überwinden scheint. Es droht der Aufstieg autoritärer Führungsfiguren, die im Bündnis mit den digitalen Plattformen zudem die Fähigkeit hätten, einen digitalen Überwachungsstaat zu etablieren und zu steuern. Welcome to Digital Dystopia.

Auswege aus der Krise

Plattformen haben die Geschichte des globalen Kapitalismus geprägt wie kaum eine andere Institution. Die griechische Agora, der orientalische Basar, die aztekische Tianguis oder die Märkte Chinas führten Angebot und Nachfrage zusammen und schufen durch verbindliche Regeln eine ökonomische Balance, die wesentlich zum Aufstieg ihrer jeweiligen Hochkulturen beitrug.

Auch am Ende der 1990er Jahre herrschte ein nahezu grenzenloser Optimismus gegenüber dem Internet. Es galt als Motor eines neuen goldenen Zeitalters, das Freiheit, Wohlstand und Demokratie fördern würde. Diese Hoffnungen haben sich jedoch nicht erfüllt. An die Stelle von Freiheit und Unabhängigkeit sind monopolistische Plattformstrukturen getreten, und statt einer Stärkung demokratischer Prozesse ist weltweit ein Erstarken autokratischer Tendenzen zu beobachten. Darüber hinaus fördern die Geschäftsmodelle vieler digitaler Plattformen süchtig machende Anwendungen, die mit einem Anstieg psychischer Erkrankungen einhergehen und zu einem besorgniserregenden Verlust grundlegender Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen beitragen.

Quelle: National Center for Education Statistics

Eine zukunftsorientierte Perspektive erfordert daher, Plattformen erneut in den Mittelpunkt zu rücken und sie im Geiste ihrer antiken Vorbilder zu regulieren. Konkret bedeutet dies, dass Plattformbetreiber keine eigenen Marktstände auf ihren Marktplätzen betreiben dürfen – oder dass hierfür zumindest klar definierte und streng regulierte Bedingungen gelten müssen.

Wie andere moderne Plattformmärkte und Netzinfrastrukturen, etwa in der Telekommunikation, sollten auch digitale Plattformen verbindlichen und transparenten Regeln unterliegen. Erste Schritte in diese Richtung existieren bereits: Der Digital Markets Act der Europäischen Union zielt auf eine wirksame Wettbewerbsregulierung großer Plattformen ab, während der Digital Services Act Plattformen unter anderem zur Eindämmung von Propaganda und schädlichen Inhalten verpflichtet.

Die konsequente Umsetzung dieser Regeln wird jedoch massiv durch die US-Administration behindert. Auch zusätzliche Konkurrenz durch chinesische Plattformen bietet keine Lösung, da wirtschaftliche Abhängigkeiten von China bereits heute politisch instrumentalisiert werden.

Zur digitalen Souveränität Europas gehört daher, sich nicht länger von anderen Machtblöcken erpressbar zu machen. Dies schließt den Aufbau eigener sicherheits- und verteidigungspolitischer Fähigkeiten ebenso ein wie die Diversifizierung globaler Lieferketten und die Reduktion einseitiger Importabhängigkeiten von China. Zugleich muss Europa – wie bereits im Draghi-Report kritisiert – wieder wettbewerbsfähiger und innovationsstärker werden. Zentral dafür ist die Überwindung der wirtschaftlichen Fragmentierung innerhalb Europas durch offene Märkte und den Abbau innerer Handelshemmnisse sowie einen integrierten Kapitalmarkt, um europäische Innovationen besser zu skalieren.

Darüber hinaus ist ein grundlegendes Umdenken in europäischen Unternehmen und Verwaltungen erforderlich. Statt sich reflexartig auf Bürosoftware von Microsoft oder Google zu stützen, sollten gezielt auch die Angebote europäischer Anbieter sowie Open-Source Anwendungen geprüft und konsequent genutzt werden. Dies würde nicht nur die digitale Souveränität stärken, sondern auch Innovation und Wettbewerb innerhalb Europas fördern.

Aufgrund der technologischen und geopolitischen Entwicklung treibt die Menschheit auf einen Wasserfall zu. Wir wissen, dass sich alles ändern wird, doch wir wissen noch nicht wie. Entweder wir arbeiten an einer planetaren Weltordnung, die auf einer fein abgestimmten Machtbalance beruht und die Souveränität der einzelnen Weltregionen respektiert, sodass kulturelle Vielfalt weiterhin bestehen und gedeihen kann. Oder aber wir geraten in ein neues imperiales System, in dem Großmächte andere Weltregionen wie Kolonien behandeln, sie über digitale Plattformen ausbeuten und systematisch Werte abschöpfen. Es liegt an uns, den Weg in diese digitale Dystopie zu verhindern.