Eine Welt aus dem Gleichgewicht

Es gibt einen Moment im Leben vieler Menschen, in dem sie aufhören zu glauben, dass die Welt grundsätzlich in Ordnung ist und dass die Probleme, die sich häufen, mit den vertrauten Werkzeugen lösbar wären. Dieser Moment ist nicht für alle derselbe. Bei manchen kam er während der Finanzkrise 2008, als sich zeigte, dass das globale Finanzsystem nur durch staatliche Notmaßnahmen am Kollabieren gehindert werden konnte. Bei anderen während der Eurokrise, die jahrelang die europäische Integration in Frage stellte. Bei anderen während der Flüchtlingskrise 2015, die die politischen Koordinaten in vielen Ländern verschoben hat. Bei anderen während des Brexit- Referendums 2016, bei anderen mit der Wahl Trumps im selben Jahr. Bei wieder anderen während der Coronapandemie 2020, die plötzlich zeigte, wie zerbrechlich globale Lieferketten und nationale Gesundheitssysteme sind. Bei vielen mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022, der einen jahrzehntelangen Frieden in Europa beendet hat. Bei manchen mit dem 7. Oktober 2023 und seinen Folgen im Nahen Osten. Bei anderen mit dem zunehmend dramatischen Klimawandel, der nicht mehr nur in Prognosen, sondern in Hitzewellen, Überschwemmungen, Ernteausfällen sichtbar wird. Bei wieder anderen mit der KI-Disruption, die seit 2022 immer breitere Lebensbereiche erfasst.

Was alle diese Erfahrungen verbindet, ist ein Gefühl der strukturellen Überforderung. Die Probleme sind nicht mehr isoliert. Sie hängenzusammen. Eine Krise löst die nächste aus oder verstärkt sie. Lösungen in einem Bereich produzieren Probleme in einem anderen. Niemand hat einen vollständigen Überblick mehr. Die politischen Strukturen, die für die Probleme zuständig wären, funktionieren nicht mehrwie sie sollten. Die wirtschaftlichen Strukturen, die Wohlstandproduzieren sollten, produzieren zunehmend Ungleichheit. Die medialen Strukturen, die Aufklärung leisten sollten, produzieren Fragmentierung. Die wissenschaftlichen Strukturen, die Orientierung geben könnten, werden zunehmend angefeindet oder marginalisiert.

Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat für dieses Phänomen den Begriff der Polykrise in die öffentliche Debattegebracht. Er hat ihn nicht erfunden – der französische Philosoph Edgar Morin und der ehemalige Chef der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker hatten ihn schon früher verwendet. Aber Tooze hat ihn so präzise gefasst, dass er heute zur Standardbeschreibung dessen geworden ist, was Beobachter der Gegenwart als ihre zentrale Lageerfahrung beschreiben. Polykrise heißt: Es geht nicht um eine Summe einzelner Krisen, die nacheinander oder nebeneinander stattfinden. Es geht um ein Phänomen, in dem die Krisen sich gegenseitig transformieren, blockieren, beschleunigen. Sie ergeben mehr als die Summe ihrer Teile, weil ihre Wechselwirkungen eigene Dynamiken produzieren, die niemand vollständig steuern kann.

Konkret heißt das beispielsweise: Die Klimakrise verlangt enorme Investitionen in die Transformation der Wirtschaft. Diese Investitionen verschärfen aber die fiskalischen Probleme der Staaten, die ohnehin unter Druck stehen. Der Energieumbau verlangt strategische Rohstoffe, deren Verfügbarkeit von geopolitischen Konstellationen abhängt, die ihrerseits instabil sind. Die Lieferkettenprobleme, die teilweise aus der geopolitischen Lage und teilweise aus der Pandemie resultieren, treiben die Inflation. Die Inflation schwächt die Mittelschichten und stärkt populistische Bewegungen. Diese Bewegungen wiederum schwächen die politische Handlungsfähigkeit, die nötig wäre, um die Probleme zu adressieren, aus denen sie selbst entstanden sind. Die KI-Disruption beschleunigt all diese Prozesse, ohne dass die Gesellschaften die nötigen Anpassungsmechanismen schon entwickelt hätten.

Wer das alles versteht, ist überfordert. Wer es nicht versteht, ist es auch, nur ohne es zu wissen. Die Polykrise ist nicht primär ein intellektuelles Problem, sondern ein strukturelles. Sie verlangt eine andere Form des Denkens, als die etablierten Krisendiagnosen sie liefern können. Sie verlangt eine Diagnose, die nicht in einzelnen Politikfeldern verbleibt, sondern die strukturelle Substanz der Verschiebungen erfasst, die unsere Zeit prägen.

Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/