Die Realwirtschaft ist der Bereich, in dem tatsächlich produziert wird – Autos, Maschinen, Lebensmittel, Software, Dienstleistungen. Sie ist nicht primär ökonomische Spekulation, sondern materielle Wertschöpfung. In den letzten Jahrzehnten ist sie unter Druck geraten, und zwar von mehreren Seiten.
Erstens, durch die Codierungsdominanz der Finanzwelt. Wir haben das schon gesehen. Unternehmen werden zunehmend nach Quartalsergebnissen optimiert, statt langfristige Substanz aufzubauen. Mittelständische Strukturen werden von Private-Equity-Investoren übernommen, restrukturiert nach finanzieller Logik, in wenigen Jahren weiterverkauft. Die Wertschöpfung kommt nicht primär aus operativer Verbesserung, sondern aus finanzieller Optimierung – Steuergestaltung, Hebelung durch Fremdkapital, Effizienzsteigerung durch Personalabbau.
Das deutsche Mittelstandsmodell, das in seiner historischen Form eine Stärke der deutschen Wirtschaft war, gerät unter Druck. Familienunternehmen, die in der dritten oder vierten Generation geführt wurden, werden an Private-Equity-Investoren verkauft, weil die Erbengeneration sich nicht mehr für das Geschäft interessiert oder weil die Kapitalanforderungen für notwendige Investitionen zu hoch werden. Was an Stelle der familienbasierten Führung tritt, ist oft eine fremdkapitalfinanzierte Restrukturierung mit kurzfristigem Renditeziel. Die langfristige Substanz erodiert.
Zweitens, durch die geopolitische Fragmentierung. Was nach 1990 als Globalisierung schien, kehrt sich teilweise um. Lieferketten werden unsicher. Die Halbleiter-Krise 2021 und 2022 hat gezeigt, wie verwundbar die globale Produktion ist, wenn an wenigen Stellen Engpässe auftreten. Taiwan produziert über 90 Prozent der modernsten Chips weltweit, in einer Region, die geopolitisch hochsensibel ist. Eine Eskalation zwischen China und Taiwan würde die Weltwirtschaft in eine Krise stürzen, die alles bisherige in den Schatten stellen würde.
Plus der Energiekrieg, der mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 begann. Europa, das jahrzehntelang auf billiges russisches Gas gesetzt hatte, musste seine Energieversorgung in Rekordzeit umbauen. Die Realwirtschaft, vor allem die energieintensive Industrie – Stahl, Chemie, Glas, Keramik – wurde mit Energiepreisen konfrontiert, die ihre Wettbewerbsfähigkeit in Frage stellten. BASF, der weltgrößte Chemiekonzern, hat in Ludwigshafen tausende Arbeitsplätze gestrichen und Produktion nach China verlagert. Die Auswirkungen auf den deutschen Industriestandort sind erheblich.
Drittens, durch die Klimatransformation. Die Notwendigkeit, fossile Strukturen durch klimafreundliche zu ersetzen, ist real und drängend. Aber sie betrifft die Realwirtschaft besonders hart. Stahlwerke müssen auf Wasserstoff umgestellt werden. Chemiebetriebe müssen ihre Prozesse dekarbonisieren. Automobilindustrie muss von Verbrennern auf Elektromobilität wechseln. Bauwirtschaft muss klimaneutral werden. Landwirtschaft muss umgebaut werden. Jede dieser Transformationen verlangt enorme Investitionen, lange Planungshorizonte, technologische Innovation. Wer die Investitionen nicht stemmt, geht unter. Wer sie stemmt, muss sie über Jahrzehnte refinanzieren.
Unter Shareholder-Value-Bedingungen ist das schwer leistbar. Die Investitionen sind hoch, die Renditen liegen weit in der Zukunft, die Risiken sind erheblich. Aktionäre, die kurzfristige Renditen wollen, drängen gegen solche Investitionen. Das führt zu einem Konflikt zwischen ökologischer Notwendigkeit und finanzieller Rationalität, der bisher selten zugunsten der ökologischen Notwendigkeit entschieden wird.
Viertens, durch den demografischen Wandel. In den meisten entwickelten Ländern altert die Bevölkerung dramatisch. Deutschland, Italien, Japan, Südkorea und mittlerweile auch China stehen vor demografischen Verschiebungen, deren Folgen erst beginnen sichtbar zu werden. Fachkräfte werden knapp. Bestimmte Berufe finden keinen Nachwuchs mehr. Handwerk, Pflege, Industrieproduktion leiden unter Personalmangel. Die Antwort wäre eigentlich klar: höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, Migration. Aber alle drei sind politisch schwierig, weil sie an verschiedenen Stellen Widerstand produzieren.
Fünftens, durch die KI-Disruption. Künstliche Intelligenz wird in den nächsten zwei Jahrzehnten erhebliche Teile der Realwirtschaft verändern. Was sich automatisieren lässt, wird automatisiert. Was sich nicht automatisieren lässt, wird teurer. Die Verteilung der Wertschöpfung verschiebt sich. Wer KI-Infrastruktur kontrolliert – NVIDIA, OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft – profitiert massiv. Wer in Branchen arbeitet, die durch KI ersetzbar werden, gerät unter Druck. Die soziale Polarisierung verschärft sich.
Was diese fünf Drücke zusammen produzieren, ist eine strukturelle Schwächung der Realwirtschaft. Was sie gerettet hat, ist ihrematerielle Verankerung. Eine Fabrik kann man nicht in Sekundenverlagern wie eine Investition. Ein Handwerksbetrieb braucht Jahre,um aufgebaut zu werden. Eine Lieferkette hat physische Knotenpunkte,die nicht beliebig austauschbar sind. Diese Trägheit ist Schutz und Lastzugleich – sie verhindert schnelle Disruption, aber sie erschwert auch Anpassung. Die deutschen Hidden Champions, die mittelständischen Weltmarktführer in spezialisierten Nischen, sind ein Beispiel für eine Realwirtschaft, die sich gegen die Codierungsdominanz der Finanzweltbehauptet hat. Aber auch sie geraten zunehmend unter Druck.
Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/
