Das Mediensystem im Zerfall

Das Mediensystem hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend transformiert. Was zuvor als Vermittlungsinstanz zwischen den anderen Systemen funktionierte – Politik beobachtet durch Medien, Wirtschaft kommuniziert durch Medien, Wissenschaft erreicht die Öffentlichkeit durch Medien – ist heute selbst eine zentrale Krisenzone.

Das alte Geschäftsmodell der Tageszeitungen – Abonnement plus Anzeigen – ist weitgehend zusammengebrochen. Die Anzeigen sind zu Google und Meta abgewandert, die Abonnenten werden weniger. In den USA ist die Zahl der Tageszeitungen seit 2005 um etwa ein Viertel gesunken. Über 2000 lokale Zeitungen sind verschwunden. Ganze Counties haben keine eigene Tageszeitung mehr – die berühmten news deserts, die in mehreren Studien dokumentiert sind. Lokaljournalismus, der jahrzehntelang die demokratische Substanz amerikanischer Politik mitgetragen hatte, ist in vielen Regionen ausgestorben.

In Deutschland ist die Lage weniger dramatisch, aber strukturell ähnlich. Auflagen der Tageszeitungen sinken seit Jahrzehnten. Redaktionen schrumpfen. Lokalressorts werden zusammengelegt oder eingestellt. Investigative Recherche wird teurer, als sie sich rentiert. Die großen Häuser – Süddeutsche, FAZ, Zeit, Welt, taz – pflegen ihre Qualität auf hohem Niveau, aber sie operieren in einer Branche, deren ökonomische Basis erodiert. Das deutsche Modell der öffentlich-rechtlichen Sender ist hier ein Stabilitätsfaktor, aber auch er steht unter Druck. ARD und ZDF werden politisch angefochten, die Rundfunkbeiträge sind umstritten, junge Zielgruppen werden über klassische Programme nicht mehr erreicht.

Stattdessen dominieren Plattformen, deren Algorithmen nicht nach journalistischen Kriterien, sondern nach Engagement-Optimierung selektieren. Das produziert eine Verschiebung der medialen Logik selbst. Was früher Journalisten entschieden – was wird berichtet, in welcher Reihenfolge, mit welcher Gewichtung – entscheiden heute Algorithmen. Die Selektionskriterien sind anders. Klassische Medien selektierten nach Bedeutsamkeit, Aktualität, gesellschaftlicher Relevanz. Algorithmen selektieren nach Engagement, also nach dem, was Aufmerksamkeit erzeugt und Verweildauer maximiert. Das sind nicht dieselben Kriterien.

Die Folge ist eine Fragmentierung der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, ein Zerfall der gemeinsamen Faktenbasis und eine Beschleunigung, die politisches Nachdenken erschwert. Fox News, OAN, Newsmax auf der einen Seite. CNN, MSNBC, NYT auf der anderen. Eine gemeinsame Faktenbasis existiert in den USA kaum noch. Politische Debatten werden in inkommensurablen Welten geführt. Was die eine Seite als bewiesen ansieht, ist für die andere Verschwörung. Was die eine Seite als gerecht empfindet, ist für die andere Tyrannei.

In Deutschland ist die Lage moderater, aber die Tendenz zeigt in die gleiche Richtung. Die etablierten Medien werden zunehmend politisch eingeordnet. Wer ARD und ZDF sieht, gilt manchen als Mainstream. Wer Tichys Einblick oder Welt-TV bevorzugt, gilt anderen als rechts. Wer taz oder Jacobin liest, gilt wieder anderen als links. Diese Etikettierung ist nicht primär falsch, aber sie zeigt, dass die Idee einer gemeinsamen medialen Sphäre, in der alle gesellschaftlichen Gruppen sich treffen, erodiert.

Plus die geopolitische Verschiebung der Plattformen. Die wichtigsten Plattformen sind in Privatbesitz, oft in einzelnen Personen konzentriert. TikTok ist chinesisch und untersteht im Zweifel der chinesischen Regierung. X ist Elon Musks Eigentum und folgt seinen politischen Präferenzen. Meta ist Mark Zuckerbergs Konzern und hat sich nach Trumps Wahl 2024 explizit politisch repositioniert. Google steht im Schatten der US-Regierung. Die europäischen Plattformen existieren kaum. Das Mediensystem ist nicht mehr im klassischen Sinn öffentlich, es ist privatisiert in einer Form, die Funktionsverlust riskiert.

Elon Musks Übernahme von Twitter im Oktober 2022 hat exemplarisch gezeigt, wie schnell sich eine zentrale öffentliche Infrastruktur verändern kann, wenn ein einzelner Eigentümer das will. Was vorher als globaler Kurznachrichtendienst funktionierte, in dem Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Aktivisten kommunizierten, ist heute X, eine Plattform mit deutlich verschobenen Selektionsmustern. Konservative und rechtsextreme Stimmen werden algorithmisch verstärkt. Linksliberale und progressive Stimmen werden algorithmisch gedämpft. Was als Meinungsfreiheit beworben wurde, ist in der Praxis eine selektive Befreiung bestimmter Stimmen bei gleichzeitiger Erschwerung anderer.

Plus die Erosion der Grenzen zwischen Journalismus und PR, zwischen Nachricht und Werbung, zwischen Information und Inszenierung. Im professionellen Mediensystem war der Unterschied zwischen Journalismus und PR, zwischen Nachricht und Werbung, zwischen Recherche und Meinung klar markiert. In der Plattformökonomie verschwimmen diese Grenzen. Ein Influencer-Post sieht aus wie ein Journalismus-Beitrag. Ein Werbespot ist optisch identisch mit einem informativen Video. Eine Behauptung eines Anonymen kann millionenfach geteilt werden, ohne dass je geprüft wird, ob sie stimmt. Die Differenzierung, die das Funktionssystem ausmachte, erodiert.

Was an deutschen Strukturen positiv zu vermerken ist: Das duale System aus öffentlich-rechtlichen und privaten Medien, kombiniert mit einer dichten regionalen Tageszeitungslandschaft, einer professionellen journalistischen Ausbildung, einer relativen Unabhängigkeit der Redaktionen, einer Tradition des Qualitätsjournalismus. Das ist nicht das Beste aller möglichen Mediensysteme, aber es ist in der Gesamtbetrachtung weltweit führend in seiner Substanz. Es zu verteidigen ist eine zentrale Aufgabe, die heute aktiv geleistet werden muss, weil sie nicht selbstverständlich ist.

Dies ist ein Auszug aus Benno Flügels neuem Sachbuch Empire of Art, Love and Science – Theorie der Systeme. Mehr Infos zum Buch: https://bennofluegel.de/buecher/